Länderbericht Ägypten

Erzbischof Antonios Naguib, Patriarch von Alexandrien.

Antonios Naguib, Patriarch von Alexandrien.

Einwohner:
75,5 Millionen
(etwas weniger als Deutschland)

Fläche:
1 001 449 qkm
(fast dreimal so groß wie Deutschland)

Religion:
Muslime: 84,4 Prozent
Christen: 15,1 Prozent (darunter 195 000 Katholiken)
Sonstige: 0,5 Prozent

Der Aufstieg der Muslimbruderschaft, einer islamistischen Bewegung, setzt die Christen in Ägypten zunehmend unter Druck. Das Land verfügt über die größte christliche Bevölkerung im Nahen Osten - vermutlich mehr als zehn Millionen Menschen. Trotz ihrer großen Zahl sind die Christen (die meisten von ihnen sind koptisch-orthodox) nur“Bürger zweiter Klasse”, mit eingeschränkter Religionsfreiheit.

Inmitten zunehmender Armut und anti-westlicher Stimmung, besonders seit Beginn des “Kriegs gegen den Terror” unter amerikanischer Führung, üben Gruppierungen von muslimischen Fundamentalisten auf verunsicherte und orientierungslose Menschen eine magische Anziehung aus. Bei den letzten Wahlen konnten Mitglieder solcher Gruppen fast zwanzig Prozent Stimmenanteil erzielen. Solche Gruppen werfen der Regierung von Staatspräsident Hosni Mubarak vor, sie sei zu sehr pro-westlich ausgerichtet; sie verlangen stattdessen die Einführung des vollständigen islamischen Rechts (Scharia) und weitere Schritte, um nicht-muslimische Einflüsse im Land zurückzudrängen.

Probleme im Alltag

Obwohl in der ägyptischen Verfassung Religionsfreiheit garantiert wird, heißt es dort zugleich, dass die Scharia die grundlegende Quelle für Gesetz und Rechtsprechung sein soll. In der Praxis ist das Problem sogar noch größer: Christen ist es offiziell verboten, neue Kirchen zu bauen, obwohl sich gelegentlich doch Schlupflöcher finden. Wenn Muslime vor Ort dann auf entsprechende Baupläne der Kirchengemeinde aufmerksam werden, errichten sie oft gleich nebenan eine Moschee, oder sie schlagen die Christen zusammen, die in der Nähe des Grundstücks wohnen, wo die neue Kirche gebaut werden soll.

Jeder Bürger ist verpflichtet, einen Personalausweis zu besitzen; darauf ist auch die Religionszugehörigkeit vermerkt. Das erhöht natürlich das Risiko, in den Ausbildungsstätten oder am Arbeitsplatz diskriminiert zu werden. In vielen Schulen wird es nicht geduldet, dass Christen sich als Klassenbeste herausstellen. Koptische Christen dürfen keinen Arabischunterricht erteilen, außer in den unteren Klassen, wo der Unterricht noch ohne den Koran erfolgt.

Von einflussreichen Positionen ausgeschlossen

Die Zahl der Berichte hat zugenommen, nach denen christliche Mädchen, nicht älter als vierzehn Jahre, entführt wurden, um sie mit muslimischen Männern zu verheiraten. Christen sind von einflussreichen Positionen in der Gesellschaft
ausgeschlossen. Zunehmend wird von Vorkommnissen berichtet, wo Polizeibeamte nur zögerlich oder gar nicht eingegriffen haben, um kriminelle Handlungen gegen christliche Gemeinschafen zu verhindern. Das gilt besonders für “Rache”-Angriffe von Islamisten als Vergeltung für kleinere Vorfälle, in die Christen verwickelt waren.

Allerdings gibt es auch einige Anzeichen für eine Verbesserung der Lage. Jahrelang
wurden Muslime, die zum Christentum konvertierten, angeklagt wegen Glaubensabfall (Apostasie); ihnen blieb nur, das Land zu verlassen, um dem gewaltsamen Tod zu entgehen. Hier wurde nun im Februar 2008 ein Durchbruch erzielt, als das Oberste Verwaltungsgericht in Ägypten zwölf Konvertiten offiziell erlaubte, zu ihrem ursprünglichen koptisch-christlichen Glauben zurückzukehren, nachdem sie zwischenzeitlich zum Islam übergetreten waren. Die Anwälte der Christen priesen die Gerichtsentscheidung als einen “Sieg für die Religionsfreiheit in Ägypten”. Vielen Christen, die es satt haben, immer nur schlecht behandelt zu werden, gibt dies Gerichtsurteil einen kleinen Hoffnungsschimmer.

April 2007:
In einem Interview mit KIRCHE IN NOT zeigte sich Bischof Youhannes Zakaria aus Luxor besorgt über den zunehmenden Einfluss der Muslimbruderschaft in Ägypten. Bei Wahlen erhielten Politiker aus dieser islamistischen Bewegung immer mehr Stimmen. Sollte diese Tendenz anhalten, befürchtet der Bischof ernste Konsequenzen für die Christen im Land, denn die Muslimbruderschaft strebt danach, die Scharia in all ihren Komponenten einzuführen und den Einfluss von Nicht-Muslimen zurückzudrängen. “Die Regierung hat große Angst vor der Muslimbruderschaft”, so der Bischof, “sie fürchtet um ihr eigenes Überleben.”

Mai 2007:
Baugenehmigungen für Kirchen sind nur unter größten Schwierigkeiten zu erhalten; Moscheen sind von einem derartigen Problem nicht betroffen. Nicht selten geschieht es, dass Muslime auf die Nachricht, dass ein Kirchenbau beantragt wurde, rasch mit der Errichtung einer Moschee in unmittelbarer Nähe zu dem Baugrundstück beginnen, was den Kirchenbau dann de facto verhindert, weil Mindestabstände eingehalten werden müssen.

Hin und wieder werden Muslime auch gewalttätig, um den Christen ein angemessenes Gebetshaus unmöglich zu machen. So geschah es beispielsweise Mitte Mai 2007 in dem Dorf Bamha, 25 km südlich von Kairo: Hier hatte der Imam verkündet, die “Ungläubigen” wollten ihre Kirche vergrößern (die Baugenehmigung dafür war erteilt worden), woraufhin eine Gruppe von Muslimen Häuser und Geschäfte der Kopten plünderten und in Brand steckten.

Juni 2007:
In der Nacht zum 8. Juni 2007 griffen Muslime in Zawyet Abdel-Qader, einer Stadt westlich von Alexandria, zwei koptisch-orthodoxe Kirchen an; sie plünderten Geschäfte, die Christen gehörten, und verletzten sieben Christen. Am 12. Juni gab es einen weiteren Angriff, diesmal auf die Kirche Unserer Lieben Frau in Dekheila, ebenfalls westlich von Alexandria.

Februar 2008:
Am 9. Februar 2008 beschied das Oberste Verwaltungsgericht die Anerkennung von zwölf Kopten, die zum Islam konvertiert und später zum Christentum zurückgekehrt waren, als “Menschen, die zu ihrer angestammten Religion zurückgekehrt sind”. “Dies ist ein historischer Entscheid. Ein Sieg für die Religionsfreiheit in Ägypten, gemäß Artikel 46 der Verfassung. Nun ist ein Grundsatzentscheid gefallen; dieser sollte gesetzlich festgeschrieben werden”, sagte Dr. Ramsès El Majjar, einer der Rechtsanwälte der Kläger. Der Gerichtsentscheid dürfte nun als Präzedenzfall für die 457 in verschiedenen Verwaltungsgerichten des Landes anhängigen Einsprüche dienen.

Mai 2008:
Ende Mai 2008 wurden in Kairo in einem Stadtteil mit hohem christlichen
Bevölkerungsanteil vier koptische Christen erschossen: ein Juwelier und drei seiner Angestellten. Gestohlen wurde nichts. Am 31. Mai 2008 griffen bewaffnete Islamisten in der Provinz Minya das koptische Kloster Abu Fana an. Drei Mönche wurden misshandelt und zum Teil schwer verletzt. Ein anschließender Protestmarsch von dreihundert Kopten wurde von der Polizei aufgelöst. Dabei fielen Schüsse; ein Muslim wurde getötet, vier Christen wurden verletzt. Das Kloster soll restauriert und eine Klostermauer um das Gelände errichtet werden. Das rief Proteste von muslimischer Seite hervor.

Juni 2008:
Der koptisch-katholische Bischof von Guizeh, Antonios Aziz Mina, hat angesichts der Ausschreitungen gegenüber Christen, zu denen es Anfang Juni gekommen war, dazu aufgerufen, dass die Christen weiterhin ein Gesicht der Liebe, der Freundschaft und der Brüderlichkeit zeigen. Das Böse sei leider immer laut und sichtbar, erklärte er gegenüber KIRCHE IN NOT. Daher sei es wichtig, ein authentisches Zeugnis der Liebe zu geben. Für Gewalt und Extremismus seien vor allem zwei Faktoren verantwortlich: Armut und Unwissenheit. Der Bischof rief dazu auf, beides in verstärktem Maße zu bekämpfen. Dies würde auch helfen, die Auswanderung zu verringern.

(Quelle: Christen in großer Bedrängnis. Diskriminierung und Unterdrückung - Dokumentation 2008, Stand: 2008).

19.Jun.2009 16:06 Uhr · aktualisiert: 9.Feb.2010 11:16 UhrKIN / S. Stein

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