Länderbericht Tansania

Missionar Magnus Lochbihler mit Frauen aus dem Stamm der Massai.

Missionar Magnus Lochbihler mit Frauen aus dem Stamm der Massai.

Einwohner: 45,0 Millionen

Fläche: 883 749 qkm (fast so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen)

Religion:
Christen: 53,2 Prozent (darunter 12,2 Millionen Katholiken)
Muslime: 31,6 Prozent
Animisten: 13,4 Prozent
Sonstige: 1,8 Prozent

Die Verfassung legt das Recht auf Religionsfreiheit fest, einschließlich des Rechtes, zu einem anderen Glauben überzutreten. Religiöse Organisationen sind verpflichtet, sich zu registrieren, wobei sie mindestens zehn Anhänger nachweisen und eine Satzung sowie ein Bewerbungsschreiben vom Distriktsvorsteher hinterlegen müssen. In der Provinz Sansibar ist ein Genehmigungsschreiben des Muftis erforderlich. Allen religiösen Organisationen ist es untersagt, sich politisch zu engagieren.

2009 machten einige Politiker einen Gesetzesvorschlag zu einer finanziellen Reform, die darauf abzielte, die bestehenden Steuerbefreiungen für religiöse Organisationen abzuschaffen. Die Idee stieß bei christlichen Gruppen, Katholiken und Muslimen auf starke Proteste, die zu bedenken gaben, dass durch eine Besteuerung religiöser Organisationen Krankenhäuser, Schulen und all die anderen sozialen und gesundheitlichen Versorgungseinrichtungen geschädigt würden.

Msgr. Method Kilaini, Weihbischof von Dar es Salaam, erklärte, dass „steuerliche Anreize es ermöglichen, … eine Reihe gesundheitlicher Versorgungsdienste bereitzustellen, vor allem in den ländlichen Gebieten Tansanias, wo Tausende von Menschen unter äußerst prekären finanziellen Bedingungen leben müssen und es sich gewiss nicht leisten können, eine kostenpflichtige Gesundheitsversorgung in Anspruch zu nehmen.“ Im Juli 2009 entschied die Regierung, das Ganze auf sich beruhen zu lassen und das bestehende System der steuerlichen Befreiung beizubehalten.

Religionsunterricht ist in staatlichen Schulen erlaubt, aber nicht obligatorisch. Religiöse Gruppen dürfen private Schulen betreiben, und es gibt auch eine islamische Universität in Morogoro und eine katholische Universität in Mwanza.

In der weitgehend autonomen Provinz Sansibar gibt es Kadi-Gerichte, die ausschließlich für Muslime zuständig sind, in Angelegenheiten, die das Familien- und Erbrecht betreffen. Diese Gerichtshöfe wenden das islamische Gesetz an. Ein Urteil der ersten Instanz kann nicht in einem Berufungsgericht angefochten werden, sondern nur vor einem speziellen Gericht, das aus dem Obersten Richter von Sansibar und fünf Scheichs besteht.

Muslime fordern, dass Kadi-Gerichte auch in anderen Provinzen eingerichtet werden sollen: Im März 2009 verlangte der Nationale Islamische Rat von Tansania erneut die Schaffung von Kadi-Gerichten im Rest des Landes. Die Forderung hat die Debatte mit Nichtmuslimen erneut entfacht, die sich gegen diese ausschließliche „heimische“ Rechtsprechung in grundlegenden Fragen, wie dem Familienrecht, wenden.

Schwierigkeiten und Spannungen

Christen und Muslime leben im Land im Allgemeinen harmonisch und ohne besondere Probleme zusammen. Nur in Gegenden mit einem hohen Prozentsatz an Muslimen, wie dem Sansibar-Archipel (etwa 98 %) und den Küstengebieten, gibt es Berichte über Auseinandersetzungen und Spannungen.

In der Nacht von Sonntag, 28. Juni 2009 steckten nicht identifizierte Personen in Vororten von Unguja (Sansibar) zwei christliche Kirchen in Brand, die der evangelikalen Assembly of God in Tanzania und den Gläubigen der Evangelischen Pfingstler in Afrika gehörten. Der Verdacht fiel auf radikale Muslime in der Region, die von den Christen verlangt hatten, ihre religiösen Veranstaltungen nicht mehr abzuhalten. Weiterhin fand ein Gemeindemitglied, das den Bau einer Kirche finanziert hatte, folgenden Text vor seiner Haustür: „Wir wollen keine Kirchen in unserer Straße. Heute brennen wir die Kirche ab; wenn du weitermachst, brennt auch dein Haus.“

In diesem Gebiet ist es für Christen schon allein gefährlich, in der Öffentlichkeit über religiöse Angelegenheiten – insbesondere über den Koran – zu sprechen, weil sie Proteste und Rache befürchten müssen. In Dar es Salaam verhaftete die Polizei im Oktober 2009 die evangelikalen Christen Eleutery Kobelo und Cecil Simbaulanga und beschuldigte sie, „Christen und Muslime mit ihren Reden zu gegenseitigem Misstrauen angestiftet“ zu haben.

Die beiden, die sieben Tage lang festgehalten worden waren, bevor sie bis zu ihrer Gerichtsverhandlung auf Kaution freikamen, wandten zu ihrer Verteidigung ein, sie hätten zwar zugestimmt, mit einigen Muslimen eine öffentliche Debatte zu führen; doch als sie begonnen hatten, ihre Argumente vorzutragen, seien ihre Opponenten stattdessen mit der Polizei aufgetaucht.

Die beiden evangelikalen Christen protestierten, dass dieses Verhalten gegen ihr Grundrecht verstoße, sich öffentlich zu versammeln und zum eigenen Glauben zu bekennen; Muslime hätten die Polizei benutzt, um die Christen daran zu hindern, öffentlich zu sprechen.

Viele andere Christen wurden ebenfalls verhaftet, weil sie öffentlich predigten, so zum Beispiel Joseph Lima, Shadrack Mwasonya, Festo Mumba, Eastus Mwarabu, Joseph Mmari, John Chacha und Daniel Mwakemwa, die ihm Oktober 2009 festgenommen wurden.

Am 18. März 2009 verhaftete die Polizei in Dodoma zwei evangelikale Christen, die während einer religiösen Veranstaltung im Freien Passagen aus dem Koran vorlasen. Die beiden wurden später freigelassen mit der Warnung, den Koran nicht wieder in ihren Predigten zu lesen, da man befürchtete, die muslimische Gemeinschaft könne dies als respektlos betrachten, so dass es zu Unruhen käme.

Am 19. April 2009 wiesen die Behörden die Christen der Kirche Gottes in Sansibar an, das staatseigene Gebäude, das sie zum Abhalten von Gottesdiensten und Versammlungen gemietet hatten, wegen „Renovierungsarbeiten“ zu verlassen. Nach etwa zwei Monaten beschwerte sich der Pastor, Lucian Mgayway, es seien keine Arbeiten ausgeführt worden und das Gebäude werde als Handelszentrum genutzt. Er behauptete daher, dass diese „Aktion zum Ziel hatte, die Kirche hinauszuwerfen und Muslime zufriedenzustellen, die keine Kirche in dem Gebiet wollten“.

Christen werfen den Behörden zudem vor, christlichen Programmen werde im nationalen Radio und Fernsehen keine angemessene Sendezeit zur Verfügung gestellt, verglichen mit der Zeit, die anderen Glaubensrichtungen zugestanden werde.

Am 9. Mai warfen radikale Muslime Gläubige der Pfingstkirche von Sansibar aus dem Gebäude, das sie in Ungunja Ukuu, einem Ort am Rand von Sansibar, für Gottesdienste und andere Versammlungen gemietet hatten. Bischof Obeid Fabian Hofi, Vorsitzender einer Vereinigung von Gemeinden, die als Fraternal Churches bekannt ist, erstattete wegen der Angelegenheit Anzeige bei der Polizei, die sich jedoch weigerte einzuschreiten, mit der Begründung, der Besitzer des Gebäudes könne verbieten, dass es für Gebete genutzt werde.

„Die Polizei ergriff keine Initiative“, berichtete Msgr. Hofi der Nachrichtenagentur Compass Direct. Die Christen versuchten anschließend, ein Terrain für ihre Versammlungen und Veranstaltungen zu erwerben, doch dies erwies sich ebenfalls als schwierig, denn, wie der Bischof erklärte, „niemand will sein Land verkaufen, damit eine Gebetsstätte darauf errichtet wird“.

Interreligiöse Initiativen

Ungeachtet dessen sind die Beziehungen auf nationaler Ebene im Allgemeinen gut. Mehrere interreligiöse Initiativen sind in Tansania eingerichtet worden, um friedliche Koexistenz, Einheit, Liebe, verantwortungsbewusste Regierungsführung, Zusammenarbeit und Solidarität unter den Menschen von Tansania zu fördern. In einer Haltung gegenseitigen Respekts und Verstehens engagieren sich diese Initiativen in gemeinsamen sozio-ökonomischen Entwicklungsprojekten, die dem Allgemeinwohl dienen und allen zugute kommen, ohne die moralischen Werte und Glaubensüberzeugungen maßgeblicher religiöser Organisationen

1. Peace Initiative of Religious Leaders (PIRL) mit dem Fokus auf Friedensbildung und Konfliktlösung. Daran beteiligen sich die Bischofskonferenz von Tansania, der Muslimische Rat von Tansania, der Christenrat von Tansania sowie das Büro des Mufti von Sansibar;

2. Tansania Interfaith Partnership (TIP); der Fokus liegt eher auf der Versorgung von Menschen mit HIV/Aids und von gefährdeten und verwaisten Kindern sowie auf häuslicher Pflege. Daran beteiligen sich die Bischofskonferenz von Tanzania, der Muslimische Rat von Tansania, der Christenrat von Tansania sowie das Büro des Mufti von Sansibar;

3. Weltkonferenz der Religionen für den Frieden (WCRP);

4. Global Network on Religion for Peace for Children (GNRC), vor allem aktiv bei der Gründung von Friedensclubs in Schulen; der Fokus liegt auf Kindern und Jugendlichen;

5. Zanzibar Interfaith-Forum.

Die Kommission für Interreligiösen Dialog der Bischofskonferenz von Tansania (TEC) hat einen interreligiösen Kalender, ein interreligiöses Poster „Weltreligionen – Frieden und Liebe“ sowie Broschüren und Postkarten produziert. Sie dienen als Informations- und Bildungsmaterial, um ein Bewusstsein über die multireligiöse Wirklichkeit der tansanischen Gesellschaft zu schaffen.

Die Generalsekretäre der Bischofskonferenz von Tansania, des Muslimischen Rates von Tansania und des Christenrates von Tansania kommen regelmäßig zusammen, um die interreligiösen Aktivitäten und Programme zu evaluieren. CCT und BAKWATA haben in fünf Bezirken jeweils dieselben interreligiösen Programme auf Bezirks- und Lokalebene.

Hexerei

Die Praxis der Hexerei ist im Land noch immer weit verbreitet, ebenso wie in anderen  afrikanischen Nationen. Sie beinhaltet auch Mord, um Körperteile für magische Rituale zu verwenden. In Tansania sind viele Opfer Albinos, deren Organe (Arme, Hände, Ohren, Genitalien und sogar ihr Blut) sehr „gefragt“ sind und für die von Hexen und Medizinmännern teilweise sogar hunderttausende Euros bezahlt werden, um Tränke herzustellen, die Erfolg in der Liebe, im Geschäft und im Leben garantieren sollen und die dann zu astronomischen Preisen verkauft werden. F

olglich sind die etwa 200 000 Albinos in Tansania in einer schwierigen Lage. Doch das Engagement der Behörden und religiöser Organisationen für ihren Schutz und für die Abschaffung dieses Phänomens haben dazu geführt, dass sich die Situation deutlich verbessert hat.

Nach der Ermordung eines Albinos, dem Organe entnommen worden waren, und der Verwundung seiner Frau (auch sie eine Albino) ordnete Präsident Jakava Kikwete im April 2008 eine regelrechte „Hexenjagd“ an, bei der Dutzende Menschen verhaftet wurden. Im März 2009 baten die Behörden die Bevölkerung sogar darum, jeden zu melden – und sei es anonym –, der verdächtig war, an solchen Verbrechen beteiligt zu sein.

Im September 2009 wurden drei Männer für den Mord an einem 14-jährigen Jungen mit Albinismus in Bukombe im Bezirk Shinyanga zum Tod durch Erhängen verurteilt.

Am 14. März 2009 bekräftigten Leader der Christen, Muslime und Hindu in einer gemeinsamen Erklärung, dass sie die Regierung unterstützen und sich dafür einsetzen wollten, dass der Kampf gegen rituelle Morde an Albinos und anderen Menschen fortgeführt werde.

Quellen
Fides
Compass DirectNews
BBC
BosNewsLife Africa Service
Human Rights Without Frontiers
U.S. Department of State, Annual Report on International Religious Freedom, ed. 2009; ed. 2010
www.opendoorsusa.org

(Quelle: Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2010. Stand: 2010)

1.Dez 2009 14:44 · aktualisiert: 12.Jun 2012 16:22
KIN / S. Stein