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Bürgerkrieg

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„Es war nicht klug, den Truppenabzug einzuleiten. Es war klar, dass den Kurden niemand helfen würde. Jetzt werden sie alles verlieren, wie es bereits in Afrin geschehen ist.“

 

Jacques Behnan Hindo, der emeritierte syrisch-katholische Erzbischof von Hassaké-Nisibi, macht sich im Gespräch mit KIRCHE IN NOT keine Hoffnung, was die jüngste Invasion der Türkei im Nordosten Syriens angeht.

Jacques Behnan Hindo (rechts), emeritierter Erzbischof von Hassaké-Nisibi, feiert die heilige Messe.
Die Entscheidung von US-Präsident Trump, seine Truppen aus dem Nordosten Syriens abzuziehen, hat eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, von denen die türkische Offensive nur ein erstes Fanal sein könnte. Verlierer aber werden nicht nur die Kurden sein.

 

„Wir Christen werden die Konsequenzen tragen”

„Wie immer hat jede Kriegspartei ihre eigenen Interessen, aber wir Christen werden die Konsequenzen tragen“, sagt Hindo. Im Nordosten Syriens leben rund 30 000 bis 40 000 Christen verschiedener Konfessionen.

Trotz Einschränkungen waren sie unter dem Schutz kurdischer Truppen relativ sicher in der Region, die sich zwischen dem Euphrat und der Grenze zur Türkei und der irakisch-türkischen Grenze erstreckt. Die Kurden waren nicht zuletzt wichtige Partner im Kampf gegen den Terror des sogenannten „Islamischen Staates“.

In der Altstadt von Aleppo/Syrien.
Beides scheint nun unter türkischem Militärfeuer ausgelöscht. Nun, da die Kurden um ihr eigenes Überleben kämpfen, stehen die Christen wie die anderen Minderheiten, zum Beispiel die Jesiden, ohne Schutz da. Ein neuer Exodus sei vorprogrammiert, so Bischof Hindo.

 

„Ein neuer Exodus ist vorprogrammiert”

Hinzu komme jedoch noch eine weitere, weit gefährlichere Entwicklung. „Es wurde gemeldet, dass eines der Gefängnisse, in dem IS-Kämpfer festgehalten wurden, im Kampf getroffen wurde und weitgehend unbewacht ist. Die meisten von den Terroristen werden jetzt frei sein.

Das folgt einem Plan, Syrien zu zerstören – und nicht nur Syrien. Jetzt werden die Terroristen nach Europa kommen, durch die Türkei und mit der Unterstützung Saudi-Arabiens.“

Erzbischof Bashar Warda von Erbil (2. von rechts) verteilt Hilfsgüter, die KIRCHE IN NOT zur Verfügung gestellt hat.
Eine neue Flüchtlingswelle, die vor allem den Irak mit voller Härte trifft, befürchtet auch der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil, der Hauptstadt der Region Kurdistan, Bashar Warda, ein langjähriger Projektpartner von KIRCHE IN NOT.

 

Steigende Zahl von vertriebenen Menschen aus Nordsyrien

„Wir bereiten uns auf eine neue Flüchtlingswelle vor. In Erbil haben wir in den vergangenen beiden Jahren schon eine steigende Zahl von Vertriebenen aus Nordsyrien festgestellt“, schreibt Warda in einer Erklärung, die dem Hilfswerk vorliegt.

„Wir hoffen und beten, dass sich die Regierung und die internationale Gemeinschaft sich nicht abwenden, sondern uns unterstützen, den Christen und den anderen unschuldigen Menschen zu beizustehen, welche Religion sie auch haben.“

Kind in einem Flüchtlingslager.
Erschwerend kommt hinzu, dass für viele Flüchtlinge nur der Irak die nächstgelegene Zufluchtsoption darstellt. Der Libanon, der seit Ausbruch des Syrienkriegs die höchste Zahl von Flüchtlingen aus Syrien aufgenommen hat, beginnt nun Berichten zufolge mit einem verstärkten Rückführungskurs.

 

Es droht die Ausrottung des Christentums in der Region

Warda befürchtet deshalb: „Sollten Christen keine ausreichende Versorgung im Nordirak finden, werden sie den Nahen Osten ganz verlassen.“

Einmal mehr ist die Gefahr der Auslöschung des Christentums in einer seiner Ursprungsregionen zum Greifen nah. Letztlich könnte die erneute Eskalation sogar einem der Hauptziele des IS doch noch zum Erfolg verhelfen, macht Warda deutlich: „Der Ausrottung des Christentums in der Region.“

Ein Mann betet in einer zerstörten Kirche in Syrien.
Offen bleibt, ob der Plan der Türkei, eine Sicherheitszone im Nordosten Syriens einzurichten, auf die Region begrenzt bleibt.

 

„Die Menschen leiden unsäglich”

Sollte der Konflikt auch auf den Nordwesten überschwappen, wäre unter anderem Aleppo betroffen, wo derzeit rund 30 000 Christen leben. „Das könnte der Anfang vom Ende sein“, erklärt der in Aleppo ansässige armenisch-katholische Priester Mesrob Lahian gegenüber KIRCHE IN NOT.

„Die politischen Interessen sind, wie seit Beginn des Syrienkrieges, unübersichtlich. Eins aber ist Fakt: Die Menschen leiden unsäglich, manchmal noch mehr als zu Beginn des Krieges“, erklärt Florian Ripka, der Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland.

- Erzbischof Bashar Warda
„Unser Hilfswerk hat in den vergangenen acht Kriegsjahren immer an der Seite der syrischen Christen gestanden. Wir werden sie auch jetzt nicht verlassen, während die Politik noch diskutiert, was jetzt zu tun ist.“

 

„Nächstenliebe fragt nicht nach einem Taufschein”

Nicht vergessen werden dürfe, dass die Kirchen oft die einzigen Anlaufstellen für die kriegsgeplagte Bevölkerung sind. Lebensmittel- und Medikamentenhilfen, Beiträge für Lebenshaltungskosten und Unterbringung von Flüchtlingen komme nicht exklusiv den Christen zugute, so Ripka.

„Nächstenliebe fragt nicht nach dem Taufschein. Sie fragt nach der konkreten Not. Und die ist jetzt nochmals unermesslich gestiegen.“

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz in der Zentralafrikanischen Republik ist der Auffassung entgegengetreten, dass es sich bei dem seit 2012 anhaltenden Bürgerkrieg im Kern um einen Religionskonflikt von Christen und Muslimen handeln.

 

„Das stimmt nicht“, erklärte Bischof Néstor-Désiré Nongo-Aziagba gegenüber KIRCHE IN NOT. Das anhaltende Blutvergießen sei vielmehr die Folge der wirtschaftlichen Ausbeutung und des Konflikts um die Diamant- und Goldvorkommen des Landes.

Aufbahrung von Kriegsopfern in Bangassou/Zentralafrikanische Republik (Foto: Fundación Bangassou).
„Die Religion darf nicht dazu benutzt werden, die Ausbeutung zu vertuschen“, erklärte Nongo-Aziagba. Dies sei „ein Ablenkungsmanöver, das von den wirklichen Problemen wegführt: Armut, Analphabetismus und mangelnde Gerechtigkeit.“

 

Letzteres zeige sich daran, dass die Mitglieder der Rebellengruppen weitgehend straffrei ausgingen, obwohl schlimme Gräueltaten auf ihr Konto gingen. „Die Zentralafrikanische Republik steckt in einer politischen und nicht in einer religiösen Krise“, fügte der Bischof hinzu.

Bischof Néstor-Désiré Nongo-Aziagba.
Den Séléka-Truppen, die sich 2012 gebildet hatten und mittlerweile in verschiedene Gruppen zersplittert sind, gehörten zwar mehrheitlich Muslime an, aber ihr Ziel sei „nicht die Bevölkerung zu bekehren, sondern das Land auszubeuten“, sagte Nongo-Aziagba.

 

„Rebellengruppen geht es um die Ausbeutung des Landes”

Mehr als zwei Drittel der Milizionäre seien Söldner aus dem Tschad, Niger, Kamerun und anderen Staaten. Viele von ihnen seien keine praktizierende Muslime. „Sie verfolgen keine islamistischen Ziele. Ihr Augenmerk gilt dem Mineralienreichtum des Landes.“

Als Reaktion auf die Angriffe der Séléka bildete sich die Gruppe der sogenannten Anti-Balaka, der auch zahlreiche Christen angehören. Diese gäben vor, die Interessen der Christen im Land zu verteidigen, die etwa 75 Prozent der Bevölkerung stellen. „Damit verdrehen sie jedoch die Wahrheit“, erklärte der Bischof.

Nach einem Séléka-Angriff auf eine Krankenstation (Foto: Pater Aurelio Gazzera/KIRCHE IN NOT).
Er wirft mehreren Rebellengruppen vor, von der direkten oder indirekten Unterstützung einiger ausländischer Nationen zu profitieren. Dazu zählt der Vorsitzende der Bischofskonferenz China, Russland und einige westliche Ländern. Diesen gehe es ausschließlich darum, den Bodenreichtum der Zentralafrikanischen Republik abzuschöpfen. „Die Milizen schaden Christen und Muslimen gleichermaßen“, sagte Nongo-Aziagba.

 

Flüchtlingswelle hält weiter an

Derweil hält die Flüchtlingswelle weiter an: Human Rights Watch zählte für 2018 mehr als 640 000 Binnenflüchtlinge in der Zentralafrikanischen Republik. Die Vereinten Nationenbeziffern die Zahl der Menschen, die ins Ausland geflüchtet sind, mit rund 570 000.

Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des Priesterseminars des Bistums Bangassou/Zentralafrikanische Republik (Foto: Fundación Bangassou).
Auf die Frage, warum sich weiterhin viele Menschen, darunter auch Kinder und Jugendliche, den Milizen anschließen, nennt der Bischof drei Gründe: steigende Armut, fehlende Bildung und den Willen der Menschen, sich gegen weitere Angriffe zu wappnen.

 

Die Menschen seien frustriert über den zunehmenden Zerfall des Landes. Die Schwäche der Regierung zeige sich laut Nongo-Aziagba unter anderem darin, dass „etwa 80 Prozent des Landes von Rebellengruppen kontrolliert werden und es kein funktionierendes Straßen- oder Transportsystem gibt“.

Gottesdienst in einem Dorf in der Zentralafrikanischen Republik (Foto: KIRCHE IN NOT/Aurelio Gazzera).
Im Nordosten der Zentralafrikanischen Republik orientiere sich die Bevölkerung wirtschaftlich Richtung am Sudan und verwende dessen Währung, im Südosten sind Wirtschaft und Währung der Demokratischen Republik Kongo der Orientierungspunkt. „Wo bleibt die Souveränität unseres Staates?“, fragt der Bischof.

- Bischof Néstor-Désiré Nongo-Aziagba.
Die katholische Kirche in der Zentralafrikanischen Republik sei entschlossen, den christlich-muslimischen Dialog weiter zu fördern. „Es ist entscheidend, dass Christen und Muslime zeigen, dass sie vereint sind“ und sich damit der Gewalt wiedersetzten, die in ihrem Namen ausgeübt werde, zeigt sich Nongo-Aziagba überzeugt.

 

„Als Christ habe ich Hoffnung für die Zukunft“, führte der Bischof aus, „aber ich muss realistisch bleiben: Es ist sehr schwer, die Gewalt der letzten Jahre zu überwinden.“

In Nigeria nehmen die Übergriffe durch islamistische Fulani-Hirten zu.
Im Interview mit KIRCHE IN NOT spricht Father Habila Daboh, der Regens des Priesterseminars von Kaduna in Nordnigeria, von einer neuen Dimension des Terrors und wirft der Regierung vor, nicht genug gegen den Terrorismus zu tun.

Die internationale Staatengemeinschaft müsse aufwachen, damit es nicht zu einer humanitären Katastrophe oder gar zum Völkermord komme. Das Gespräch führte Volker Niggewöhner, Mitarbeiter von KIRCHE IN NOT Deutschland.
Ein durch einen Angriff von Fulani zerstörtes Gebäude.
Gruppenfoto im Priesterseminar in Jos/Nigeria.
Kinder aus Nigeria.
Bis auf das Fundament zerstörtes Gebäude im Bistum Kaduna (Nigeria) nach einem Angriff von Fulani im Jahr 2017.
VOLKER NIGGEWÖHNER: Father Daboh, Ende Juni wurden im nordöstlichen Bundesstaat Plateau Christen erneut Opfer gewalttätiger Übergriffe. Was ist geschehen?

FATHER HABILA DABOH: Der erste Angriff ereignete sich während eines christlichen Begräbnisses, als plötzlich einige bewaffnete Hirten vom Stamm der muslimischen Fulani hinzukamen und wahllos das Feuer auf die Trauergäste eröffneten. Auch in zwei anderen Dörfern kam es zu tödlichen Attacken auf Menschen, die sich gerade ihren Alltagsgeschäften widmeten. Es gab viele Tote.

Was wissen Sie über die Opferzahlen?

Die Menschen vor Ort sprechen von bis zu 300 Toten. Die offiziellen Zahlen werden niedriger veranschlagt, weil die Behörden das wahre Ausmaß verschleiern wollen.

Sind diese fast zeitgleichen Angriffe der Fulani eine neue Dimension des Terrors gegen Christen?

So sieht es aus. Es gab nicht das geringste Anzeichen, nicht die geringste Warnung. Die Angreifer sind einfach gekommen und haben die Menschen bei ihren alltäglichen Arbeiten oder Besorgungen getötet.

„Fulani besetzen gewaltsam Bauernhöfe”
Die islamische Terrorsekte „Boko Haram“ macht schon seit einigen Jahren von sich reden. Wer sind die Fulani?

Die Fulani sind ein Hirtenvolk, das noch immer als Nomaden lebt. Das heißt, sie ziehen mit ihrem Vieh, meistens sind es Rinder, auf der Suche nach Nahrung umher. Dabei kommt es dann oft zu Konflikten, denn die Fulani besetzen gewaltsam Bauernhöfe, ihr Vieh frisst die Ernte auf – und häufig zerstören sie auch die Gebäude und töten die Bewohner.

In unseren Medien wird oft davon gesprochen, dass es sich um Landkonflikte zwischen Nomaden und Bauern handle. Steckt mehr dahinter?

Ja. Im Mai wurden beispielweise im Bundesstaat Benue im Südwesten von Nigeria mehrere Besucher einer Frühmesse in einer katholischen Kirche durch Fulani getötet. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass sie in der Kirche nach Futter für ihre Tiere gesucht haben.

Viele dieser Angriffe ereignen sich in Regionen, die mehrheitlich christlich sind. Es scheint ein Plan dahinter zu stecken. Christen werden von den Fulani getötet, um das Land für sich zu beanspruchen. Es ist eine Form der ethnischen Säuberung.

„Hirten mit hoch entwickelten Waffen”
Könnte es Hintermänner aus dem Ausland geben?

Das halte ich für durchaus möglich. Bei „Boko Haram“ war es ähnlich. Auch hier wurde immer gemutmaßt, dass sie vom „Islamischen Staat“ unterstützt werden. Wiederholt sich das jetzt mit den Fulani?

Die Vermutung liegt nahe, denn diese einfachen Hirten sind mit hoch entwickelten Waffen ausgerüstet.Woher haben sie die? Aus dem Ausland oder aus Nigeria? Ich weiß es nicht, halte es aber für sehr wahrscheinlich, dass sie Hintermänner haben.

Der nigerianische Bischof William Amove Avenya aus Gboko sprach gegenüber KIRCHE IN NOT von der Gefahr eines Völkermords, so wie er 1994 in Ruanda geschehen ist. Sehen Sie auch diese Gefahr?

Auch ich sehe die Gefahr eines Völkermords in Nigeria, wenn nicht energisch entgegengesteuert wird. In Ruanda ist die Gewalt stufenweise eskaliert, bis es zum Genozid kam. Das kann leicht auch in Nigeria passieren.

Der muslimische Staatspräsident Muhammadu Buhari hat bei seinem Amtsantritt 2015 versprochen, den islamischen Terrorismus zu bekämpfen. Sehen Sie Fortschritte?

Es hat einige Anstrengungen gegeben, aber sie sind bei Weitem nicht genug. Es scheint, dass Präsident Buhari die Bekämpfung der Korruption weitaus energischer anpackt. So hat er zum Beispiel bei seinem „Anti-Korruptionsfeldzug“ eine Liste mit vermeintlich bestechlichen Personen veröffentlichen lassen.

„Wir haben genug vom Blutvergießen in Nigeria“: Demonstration in Mbalom/Nigeria.
Father Habila Daboh, Regens des Priesterseminars von Kaduna in Nordnigeria.
William Amove Avenya, Bischof von Gboko/Nigeria.

Was hindert ihn daran, eine Liste derjenigen zu veröffentlichen, die die Hintermänner der Fulani-Mörder offenlegt? Der Präsident misst mit zweierlei Maß.

Ein Beispiel: Als eine Bewegung aufkam, die sich friedlich für die erneute Unabhängigkeit der Biafra-Region im Südosten Nigerias einsetzt, hat Präsident Buhari diese Gruppierung massiv bekämpft und ihre Mitglieder zu Terroristen erklärt, obwohl sie keine Gewalt ausgeübt hatten.

„Fulani haben schon tausende Menschen getötet”

Die Fulani dagegen haben schon tausende Menschen getötet, und dennoch weigert sich der Präsident, sie als Terroristen zu bezeichnen. Warum schaut er weg? Warum baut er nicht ein Sicherheitskonzept auf, wozu ihm auch die internationale Staatengemeinschaft geraten hat?

Die westliche Staatengemeinschaft betont die Bedeutung der Menschenrechte. Lässt sie ihren Worten in Nigeria auch Taten folgen?

Menschenrechte darf man nicht nur im Mund führen. In Nigeria gibt es viele Menschenrechtsverletzungen. Wenn Menschen angegriffen werden und nicht in Sicherheit leben können, ist das auch eine Menschenrechtsverletzung.

Es reicht nicht, hier in Nigeria Organisationen zu haben, die den Kampf gegen Korruption überwachen. Die internationale Staatengemeinschaft sollte mit Nachdruck darauf hinweisen, dass Menschenrechte in Nigeria missachtet werden.

Sie haben KIRCHE IN NOT berichtet, dass auch bereits katholische Priester von Fulani-Banden getötet wurden. Steckt ein System dahinter?

Das ist möglich. Lassen Sie mich aber noch etwas Anderes betonen. Auch Muslime werden vermehrt Opfer dieser Attacken. So war es auch schon bei „Boko Haram“.

Auch diese Gruppe begann mit Angriffen auf Christen, Kirchen und kirchliche Einrichtungen, hat dann aber später auch Muslime und sogar Moscheen angegriffen. Dieser Aspekt ist sehr wichtig, um die Situation hier zu verstehen.

Nigeria ist ein Land der christlichen Glaubensfreude, mit vielen geistlichen Berufungen. Werden sich die Christen des Landes durch den Terror einschüchtern lassen?

Furcht ist eine ganz normale Reaktion. Sie hat aber keinen Einfluss auf das Verhalten der Gläubigen – im Gegenteil. Als Regens eines Priesterseminars kann ich Ihnen versichern, dass der Terror sogar einen positiven Effekt hat.

Ich kenne viele junge Männer, die Priester werden wollen – auch um die Terroristen zu bekehren. Viele Muslime konvertieren zum Christentum, weil sie erkennen, dass keine Religion Blut vergießen sollte.

„Internationale Staatengemeinschaft muss handeln”
Was können wir in Deutschland tun?

Bitte hören Sie nicht auf, für Nigeria zu beten. Aber nutzen Sie auch Ihren Einfluss, der Welt mitzuteilen, dass in Nigeria gerade etwas Schreckliches passiert. Die internationale Gemeinschaft sollte jetzt handeln, bevor es zu spät ist. Wenn es in Nigeria zu einem Bürgerkrieg kommt, ist eine humanitäre Katastrophe vorprogrammiert.

Helfen Sie der Kirche in Nigeria

Die verfolgten Christen Nigerias gehören zu den Schwerpunkten der Hilfe von KIRCHE IN NOT auf dem afrikanischen Kontinent.

Unser Hilfswerk fördert unter anderem den Aufbau zerstörter Kirchen, die Priesterausbildung, den Unterhalt der Klöster und die pastorale Arbeit der Kirche.

Im Norden Nigerias, in der die Gläubigen bis heute unter den Folgen des islamistischen Terrors von „Boko Haram“ leiden, unterstützt „Kirche in Not“ auch Hilfsprogramme für Witwen und Waisen.

Um weiterhin helfen zu können, bittet das Hilfswerk um Spenden.

Der Generalvikar der Diözese Bambari im Süden der Zentralafrikanischen Republik, Firmin Gbagoua, ist am 29. Juni einem Mordanschlag zum Opfer gefallen.

In einer Erklärung, die KIRCHE IN NOT vorliegt, sprechen die Bischöfe des Landes von „großer Bitterkeit“ angesichts des erneuten Mordes an einem Priester: „Wir verurteilen die sukzessive Ermordung von Priestern in der jüngsten Zeit.“

Generalvikar Gbagoua ist bereits der dritte zentralfrikanische Geistliche, der in diesem Jahr ermordet wurde. Nach einer tödlichen Attacke auf einen Priester im März waren am 1. Mai in der Hauptstadt Bangui ein Gemeindepfarrer und 15 Gläubige erschossen worden.
Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des Priesterseminars des Bistums Bangassou/Zentralafrikanische Republik (Foto: Fundación Bangassou).
Gottesdienst in einem Dorf in der Zentralafrikanischen Republik (KIRCHE IN NOT/Aurelio Gazzera).
Beerdigung für die Opfer, die bei einem Angriff auf eine Kirche in Bangui ums Leben gekommen sind.

Die Bischöfe rufen die zentralafrikanische Regierung und die im Land stationierten UN-Einheiten auf, „ihre Maßnahmen stärker zu koordinieren, damit die Mörder und die Hintermänner gefasst und vor Gericht gebracht werden können“.

Die Bischöfe stellten sich die Frage: „Wer profitiert von all dieser Gewalt gegen die katholische Kirche in der Zentralafrikanischen Republik?“

In den Bauch geschossen

Bisher unbekannte Täter hatten Gbagoua aus kurzer Entfernung in den Bauch geschossen, als er mit anderen Priestern zu Abend gegessen habe, berichtete das Portal „Vatican News“ am 2. Juli unter Berufung auf den Pfarrer der Kathedralkirche von Bangui, Mathieu Bondombo.

Auf dem Weg ins Krankenhaus sei Gbagoua verstorben. Der Geistliche koordinierte als Caritasdirektor im Bistum Bambari auch die materielle Hilfe für Gläubige und Binnenflüchtlinge.

In jüngster Zeit geraten in der Zentralafrikanischen Republik immer mehr Priester, Missionare, humanitäre Helfer und Blauhelmsoldaten in das Fadenkreuz von Bürgerkriegsmilizen.

Vor einer Kirche in der Zentralafrikanischen Republik.
Eines der ärmsten Länder der Welt

Seit 2013 dauern die Kämpfe an, bei denen sich Regierungstruppen, muslimische Rebellen der „Séléka“ und Kampfverbände der „Anti-Balaka“, in denen mehrheitlich Christen vertreten sind, gegenüberstehen. Seit 2014 sind auch multinationale Truppen und Sicherheitskräfte im Rahmen der UN-Operation „Minusca“ in der Zentralafrikanischen Republik stationiert.

Bei den Kämpfen geht es neben religiösen Gründen auch um die Kontrolle des Rohstoffhandels in dem Land, das als eines der ärmsten der Welt gilt.

Ende 2015 hatte Papst Franziskus die Zentralafrikanische Republik besucht. Standen die Zeichen damals noch auf Versöhnung, hat sich die Situation in jüngster Zeit erneut verschärft.

Die Bischöfe rufen in ihrer Erklärung die Christen des Landes dennoch dazu auf, „ruhig zu bleiben und zu beten, um nicht denen in die Falle zu laufen, die beweisen wollen, dass Christen und Muslime in der zentralafrikanischen Nation nicht mehr zusammenleben können“.

Helfen Sie in der Zentralafrikanischen Republik

KIRCHE IN NOT steht der Bevölkerung der Zentralafrikanischen Republik seit Jahren bei. Im vergangenen Jahr hat unser Hilfswerk 30 Projekte gefördert – von der Nothilfe für Kriegsopfer, die Arbeit von Ordensgemeinschaften und Pfarrgemeinden bis hin zur Friedensarbeit.

Um weiterhin helfen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden.

„Die Weltgemeinschaft darf nicht denselben Fehler machen wie beim Völkermord in Ruanda. Er fand unter den Augen der Weltöffentlichkeit statt, aber niemand hat ihn gestoppt.“
Dies erklärte der nigerianische Bischof William Amove Avenya gegenüber KIRCHE IN NOT angesichts der zunehmenden Attacken islamistischer Viehhirten aus dem Volk der Fulani auf die ansässige Landbevölkerung – unter ihnen viele Christen.

Zusammen mit anderen Bischöfen aus Nigeria hat Avenya sich in einem Appell an die Weltöffentlichkeit gewandt. Avenya ist Bischof von Gboko, das im südöstlichen Bundesstaat Benue liegt. Die Region gehört zum sogenannten „Middle Belt“, wo der mehrheitlich christlich besiedelte Süden Nigerias an den mehrheitlich muslimischen Norden grenzt.
Bis auf das Fundament zerstörtes Gebäude im Bistum Kaduna (Nigeria) nach einem Angriff von Fulani im Jahr 2017.
Christen protestieren gegen die zunehmenden Fulani-Attacken.
Ein durch einen Angriff von Fulani zerstörtes Gebäude.
Trotz zahlreicher Anschläge durch Boko Haram sind die Gemeinden in Nigeria sehr aktiv und die Gottesdienst gut besucht.
Kinder aus Nigeria.

Im Bundesstaat Benue wurden Medienangaben zufolge seit Anfang des Jahres 492 Menschen bei Überfällen durch Fulani getötet. So verloren zum Beispiel am 24. April zwei Priester und zwei Gläubige bei einer Attacke während eines Gottesdienstes ihr Leben.

Auseinandersetzungen schwelen schon lange

In den anderen Regionen des „Middle Belt“ zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Mitte Juni kamen nahe der Stadt Jos mehr als 100 Personen bei Attacken der Fulani ums Leben.

Die Auseinandersetzungen schwelen schon lange – neu ist jedoch das Motiv der Attacken, sagte Avenya: Während sie in der Vergangenheit rein ethnisch oder wirtschaftlich geprägt gewesen seien, scheine jetzt „der religiöse Hintergrund die Oberhand zu gewinnen“.

Es gehe den extremistischen Fulani längst nicht mehr um Landstreitigkeiten: „In mehrheitlich muslimischem Gebieten verüben sie diese Taten nicht. Wir sind davon überzeugt, dass es sich um eine ethnische Säuberung an Christen handelt“, sagte Avenya.

„Ethnische Säuberung an Christen”

Deshalb hat er den drastischen Vergleich mit dem Völkermord in Ruanda gewählt. Dort wurden 1994 innerhalb weniger Monate bis zu einer Million Angehörige der Tutsi-Minderheit von Milizen aus dem Stamm der Hutu getötet.

Den Vereinten Nationen sowie einzelnen Staaten, die damals Truppen in Ruanda stationiert hatten, wird bis heute Untätigkeit vorgeworfen.

Die Gefahr einer solchen Entwicklung in seinem Heimatland sieht auch Bischof Matthew Ishaya Audu aus Lafia, das etwa 200 Kilometer südöstlich der nigerianischen Hauptstadt Abuja liegt: „Die Regierung unternimmt nichts, um die Terroristen aufzuhalten.“ Das stimme umso nachdenklicher, da auch Präsident Muhammadu Buhari dem Volk der Fulani angehöre.

Christen protestieren gegen die zunehmenden Fulani-Attacken.
William Amove Avenya, Bischof von Gboko/Nigeria.
„Die Regierung unternimmt nichts”

Die Polizei bleibe weitgehend untätig. In den von Überfällen betroffenen Gebieten gebe es in Dörfern und auf Wegabschnitten regelmäßig Kontrollpunkte. Dennoch sei es laut Polizei bislang nicht gelungen, Täter zu fassen.

„Ist es möglich, dass bewaffnete Männer mit ihren Viehherden unsichtbar werden?“, fragt Audu. Zudem würden die Fulani auch über immer anspruchsvollere Waffen verfügen. „Früher waren sie nur mit Stöcken bewaffnet; heute besitzen sie teure Maschinengewehre. Wer stattet sie damit aus?“

Letztlich würden die Fulani instrumentalisiert, ist Audu überzeugt. Seiner Meinung nach gebe es „eine klare Agenda, den nigerianischen ,Middle Beltʼ zu islamisieren.“

Gegen diese Entwicklung und um die Regierung zu einem besseren Schutz für die Christen aufzufordern, haben Ende Mai alle nigerianischen Diözesen an einem Protestmarsch im Bundesstaat Benue teilgenommen.

„Unsere Gläubigen werden getötet oder müssen aufgrund der Attacken fliehen – doch die westliche Welt betrachtet die Fulani nur als internes Problem“, erklärten die Bischöfe und wiederholten ihren Appell: „Wartet nicht ab, bis ein Völkermord verübt wird, ehe Ihr eingreift!“

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Die verfolgten Christen Nigerias gehören zu den Schwerpunkten der Hilfe von KIRCHE IN NOT auf dem afrikanischen Kontinent.

Wir fördern unter anderem den Wiederaufbau zerstörter Kirchen, die Priesterausbildung, den Unterhalt der Klöster und die pastorale Arbeit der Kirche.

Im Norden Nigerias, in der die Gläubigen bis heute unter den Folgen des islamistischen Terrors von „Boko Haram“ leiden, unterstützt KIRCHE IN NOT auch Hilfsprogramme für Witwen und Waisen.

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