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Zeichen gegen „Pandemie der Gleichgültigkeit“

Zeichen gegen „Pandemie der Gleichgültigkeit“

KIRCHE IN NOT lud zum Solidaritätstag für verfolgte Christen nach Augsburg

21.09.2020 aktuelles
„Ich danke KIRCHE IN NOT, dass das Thema Christenverfolgung auch in der Corona-Krise nicht vergessen wird oder der ,Pandemie der Gleichgültigkeit’ zum Opfer fällt“. Bischof Dr. Bertram Meier fand lobende Worte für eine Initiative, die er selbst seit vielen Jahren anstößt und begleitet. Am 20. September durfte er sie im neuen Amt als „Hausherr“ willkommen heißen: Der deutsche Zweig des weltweiten katholischen Hilfswerks KIRCHE IN NOT hatte zum Solidaritätstag für verfolgte Christen nach Augsburg eingeladen, wie immer am Sonntag nach dem Fest Kreuzerhöhung.

 

Bischof Meier erinnerte in seinem Grußwort im Haus Sankt Ulrich an den heiligen Papst Johannes Paul II., der von Jugend an ein „Anwalt des interreligiösen Dialogs und der Religionsfreiheit“ gewesen sei. Auf dem Gebetstreffen der Weltreligionen von Assisi im Jahr 1986 habe der Papst davon gesprochen, dass alle Weltreligionen vom „transzendenten Ziel des Friedens“ Zeugnis ablegen. Selbst wenn die Erfahrung verfolgter Christen dem widerspreche, gelte es Ehrfurcht zu haben vor dem Glauben anderer, erklärte Meier: „Alles, was wir tun können, ist, den Menschen unseren Glauben anzubieten und glaubwürdig vorzuleben“.
Bischof Dr. Bertram Meier mit Florian Ripka Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland. © KIRCHE IN NOT

Christen leiden unter Islamismus, Nationalismus und autoritären Regimen

Wie Christen dies umsetzen und welche Repressalien sie dabei erleiden, darauf ging Tobias Lehner, Öffentlichkeitsreferent von KIRCHE IN NOT, in einem Vortrag ein. Laut dem Bericht „Religionsfreiheit weltweit“, den das Hilfswerk alle zwei Jahre herausgibt, leben rund 60 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, in denen Glaube und Religion nicht vollkommen frei gelebt werden kann oder wo blutige Verfolgung herrscht. Religionsfeindliche Gewalt treffe alle Religionen, Christen aber oft mit besonderer Härte, da sie in ihren Ländern keine politischen Fürsprecher hätten oder wegen ihrer weltweiten Vernetzung als besonders verdächtig gelten würden.

Tobias Lehner spricht über aktuelle Brennpunkte der Christenverfolgung. © KIRCHE IN NOT
„Der Bericht ,Religionsfreiheit weltweit´ macht drei Triebfedern der Verfolgung aus: Religiösen Extremismus, einen extremen Nationalismus und autoritäre Regierungssysteme“, erklärte Lehner. Aktuell macht sich KIRCHE IN NOT unter anderem um die Entwicklung in der afrikanischen Sahelzone Sorgen. Bewaffnete Truppen versuchten dort einen „Krieg der Religionen“ anzuzetteln, obwohl Christen und Muslime lange friedlich zusammengelebt hätten. Abzuwarten bleibe die Entwicklung in China. Es gäbe Annährungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der kommunistischen Regierung, gleichzeitig würden aber mancherorts Repressalien verschärft und zum Beispiel Kinder und Jugendliche am Besuch von Gottesdiensten gehindert.
Florian Ripka, Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland. © KIRCHE IN NOT
Der Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland, , lenkte den Blick auf den Libanon: Die Explosion im Hafen von Beirut habe das ohnehin geschwächte Land schwer getroffen. Das gelte auch für die christliche Gemeinschaft, die größte im Nahen Osten. Nach der Versorgung der Betroffenen mit Lebensmitteln unterstütze KIRCHE IN NOT jetzt den Wiederaufbau zerstörter Häuser und Kirchen. „Wir dürfen diese Katastrophe nicht vergessen, wir dürfen auch die Christen nicht vergessen“, erklärte Ripka.
Im syrischen Gefängnis dem Evangelium begegnet
Volker Niggewöhner (links) interviewt den syrischen Konvertiten Paulus. © KIRCHE IN NOT
Ein Zeugnis aus dem Nahen Osten legte im zweiten Teil der Veranstaltung auch der Syrer Paulus ab. Das ist der Taufname des christlichen Konvertiten, sein bürgerlicher Name bleibt aus Sicherheitsgründen geheim. Paulus, 45 Jahre alt, wuchs in Damaskus auf und arbeitete als Journalist. Er war Muslim, aber kritisch gegenüber jeder Art von Religion eingestellt. Als er in Konflikt mit dem syrischen Regime geriet, wanderte er ins Gefängnis – für fünf Jahre.

 

Folter und Torturen hat er dort erlebt, aber auch ein besonders Ereignis: „Ich hörte eine Stimme, die zu mir von Liebe und Verzeihung sprach. Meine Gefängniszelle wurde hell“, erzählte Paulus. Er selber glaubte, verrückt geworden zu sein, entwickelte aber eine zunehmende Sehnsucht nach der Stimme.

Als er schließlich freigelassen wurde, fand er Zuflucht in einem Kloster, denn seiner Familie war er fremd geworden. Das Neue Testament in seinem Zimmer las er in einer Nacht durch und entdeckte: „Was da stand, war das gleiche, was mir die Stimme im Gefängnis gesagt hat“, erklärte Paulus.

Innerlich bekehrt, durfte er sich nicht taufen lassen – die Konversion zum Christentum ist in Syrien verboten. Aber er begann zusammen mit einem Jesuitenpater ein karitatives Engagement während des Syrienkriegs und geriet wieder in Konflikt mit Regime und den Kriegsparteien: Zweimal wurde er zum Tod verurteilt. Aber da war er bereits im Libanon, kam schließlich 2016 nach Deutschland.

Hier ließ er sich taufen und entdeckte ein neues Betätigungsfeld: Bei der Initiative „Elijah21“ teilt Paulus mit anderen Geflüchteten „was in meinem Herzen ist.“ Es geht ihm und seinen Mistreitern nicht darum, anderen den Glauben überzustülpen, sondern „zu diskutieren und sich kennenzulernen“ – Religionsfreiheit zu leben.

Bischof Dr. Bertram Meier bei seinem Grußwort im Augsburger Haus Sankt Ulrich © KIRCHE IN NOT
Rücksicht auf unsere christlichen Schwestern und Brüder“

An die große Zahl christlicher Flüchtlinge, die vor fünf Jahren nach Deutschland kamen, erinnerte Bischof Bertram Meier bei der abschließenden Kreuzwegandacht im Augsburger Dom. Die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel „Wir schaffen das“ sei zum umstrittenen, aber auch bewunderten Slogan geworden. „Die eine Seite ist die Hilfsbereitschaft in unserem Land, die andere lenkt unseren Blick in die Gegenden, aus denen die Flüchtlinge und Asylbewerber kommen. Gerade den Christen geht es dort schlecht. Der Kreuzweg Jesu geht weiter“, erklärte Meier. Es sei christliche Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen, aber Europa müsse auch zu seiner christlichen Identität stehen, forderte der Bischof: „Hilfe für alle – Ja! Aber auch in Rücksicht auf unsere christlichen Schwestern und Brüder!“

Blick in den Augsburger Dom beim Kreuzweg für die verfolgte Kirche. © Kirche in Not

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