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Wie wichtig die Pflege der Kultur auch auf dem sprachlichen Gebiet sein kann, davon konnten sich die Teilnehmer der gemeinsamen Wallfahrt von KIRCHE IN NOT und dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien ein Bild machen.

 

Auf dem Programm standen wie bei den früheren Wallfahrten Besuche von Orten in Polen und Tschechien, deren alte deutsche Namen heute auch in Deutschland selbst kaum noch benutzt werden.

Dom in Königsberg (Kaliningrad) (Foto: Pixabay).
Mit Recht beklagen nicht nur deutsche Vertriebene in Deutschland und in Österreich, dass die deutschen Ortsnamen in Gebieten des Ostens nicht mehr verwendet werden. Das gilt nicht nur im Wintersport, wo heute Weltcup-Rennen nicht in Reichenberg, sondern in Liberec (Tschechische Republik) ausgetragen werden. Es setzt sich fort in vielen weiteren Gebieten.

 

Vor der Wende taten sich die meisten unserer östlichen Nachbarn schwer mit den deutschen Städtenamen in Ostmitteleuropa, vor allem dort, wo man die alteingesessene deutsche Bevölkerung vertrieben hatte. Man sprach lieber von Kaliningrad, Wroclaw und Sibiu anstatt von Königsberg, Breslau oder Hermannstadt.

Rathaus von Reichenberg (Liberec) in der Tschechischen Republik (Foto: pixabay).
Die Orientierung der Nachkriegskultur der Bundesrepublik Deutschland fast einseitig zum Westen hin tat ein Übriges, um alte deutsche Namen des Ostens in Vergessenheit geraten zu lassen. So schreiben heute auch renommierte Zeitungen nur von Bratislava und Ljubljana und setzen nur gelegentlich Preßburg und Laibach in Klammern.

 

Aus dem gebräuchlichen Sprachschatz verschwunden

Die Öffnung seit 1989 hat zwar im Osten wieder alte deutsche Namen hoffähig gemacht. Doch die sieben Jahrzehnte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges brachten es mit sich, dass die alten deutschen Bezeichnungen heute aus dem gebräuchlichen Sprachschatz praktisch verschwunden sind.

Da schrieb eine katholische Nachrichtenagentur vom „Berg der heiligen Mutter im tschechischen Kraliky“. Aber wer erkennt dahinter noch den bekannten Muttergottesberg bei Grulich, einem einst bekannten Wallfahrtsort?

Blick auf die Wallfahrtskirche in Grulich (Kraliky).
Auch wenn der Autor dieser Zeilen nicht den gleichen Namen trüge wie die einst deutsche Stadt Grulich, würde er sich darüber empören, dass historische deutsche Namen aus Ignoranz verschwinden. Werden bald unsere Kochbücher Rezepte für Kaliningrader Klopse statt Königsberger Klopse anbieten?

 

Viele Touristen sind nur die heutigen Namen geläufig. Es ist fast ein Wunder, dass deutsche Italienurlauber noch von Mailand, Venedig und Neapel sprechen, nachdem andere Namen wie Thibein, Wiesenthein oder Weiden für Duino, Vicenza oder Udine längst der Vergangenheit angehören.

Königsberger Klopse (Foto: pixabay).
Es ist dagegen erfreulich, dass die Mehrzahl der Deutschen noch von Lüttich, Löwen und Kopenhagen spricht und höchstens snobistisch andere Namen benutzt. Die Frage wäre auch: Welche? Liège oder Luik, Louvain oder Leuwen?

 

Dieses Phänomen der Benennung alter historischer, im Sprachbereich alter Kulturen lange verwurzelten Ortsnamen trifft aber auch auf italienische Namen in jenen Ländern zu, die einst italienisch geprägt waren und deren Städtenamen uns über venezianische Kaufleute vermittelt wurden oder die im alten Österreich-Ungarn gebräuchlich waren.

Tallinn war früher unter Reval bekannt

Unsere Großeltern hatten in ihren Atlanten noch die Namen Fiume, Zara, Spalato oder Ragusa, ehe die kroatischen Namen Rijeka, Zadar, Split und Dubrovnik an ihre Stelle traten. Aber wer verbindet heute noch mit der bis 1808 selbstständigen Republik Ragusa das heutige Dubrovnik? Wer erkennt in Werner Bergengruens „Tod von Reval“ die estnische Hauptstadt Tallinn?

Tallinn (Reval), die Hauptstadt Estlands (Foto: pixabay).
Wie deutsche Kultur die Sprache Mittelost- und Nordosteuropas geprägt hat, tat dies die italienische Sprache in Südosteuropa und im Orient. Über den deutschen Handel mit Venedig kamen italienische Namen der Städte des Osmanischen Reiches, das von Bosnien bis Libyen reichte, nach Deutschland.

 

Städtenamen wie Aleppo und Kairo italienischen Ursprungs

Wir schreiben noch heute Städtenamen wie Aleppo und Kairo nach ihrer italienischen Bezeichnung, auch Orte in Albanien wie Durazzo und Skutari, deren albanische Namen sich erst langsam durchsetzen oder manchmal auch in ihrer slawischen oder griechischen Form auftauchen.

Selbst einen seit 2006 unabhängigen Staat dieser Region benennen wir mit dem italienischen Namen: Montenegro oder genauer: mit seinem venezianischen Namen, denn italienisch wäre Montenero.

Ordensschwester aus Montenegro.
Zur Entkrampfung und zum unbekümmerten Gebrauch deutscher Namen (wenn sie überhaupt noch bekannt sind!) kann ein Blick in die westlichen Nachbarländer beitragen. Viele historische Namen des Ostens sind Franzosen und Engländern nur in der alten deutschen Form bekannt, wenn dort wichtige europäische historische Ereignisse stattfanden.

 

Austerlitz ist bekannter als Slavkov u Brna

Der tschechische Name von Austerlitz ist Slavkov u Brna, aber gibt es eine Dreikaiserschlacht von Slavkov und den darauffolgenden Frieden von Bratislava? Auf dem Stadtplan von Paris taucht achtmal der Name Austerlitz auf, als rue, quai, gare, pont d’Austerlitz.

Es gibt sogar ein französisches Sprichwort: „C’est le soleil d’Austerlitz!“ Napoleon soll dieses Wort seinen Soldaten im brennenden Moskau 1812 zugerufen haben, um sie an den Sieg von 1805 zu erinnern.

St.-Markus-Kirche in Zagreb.
Die wenigen Ausnahmen von der Verdrängung deutscher Ortsnamen im Osten erfolgten neue nach rein kommerziellen Gesichtspunkten. Budweiser Bier, das Kasino in Marienbad oder die Karlsbader Oblaten konnten im Westen nicht erfolgreich unter den tschechischen Namen von Städten wie Česke Budějovice, Marianske Lazně oder Karlový Vary verkauft werden.

 

Bier aus Budweis statt aus Česke Budějovice

Später meldeten sich bereits im kommunistischen Osten Proteststimmen mit deutschen Namen zu Wort. So gab sich noch in kommunistischer Zeit eine slowenische Rock-Band bewusst und provokativ den Namen Laibach. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb nannten Juweliere ihre Läden „Agram-Gold“.

Ortsschild von Storcha (Sachsen).
Positiv ist, dass Deutschland im Verzeichnis der Telefonvorwahlen und Postleitzahlen mit gutem Beispiel vorangeht. Dort werden für das Gebiet der Sorben in der Ober- und Niederlausitz auch die sorbischen Namen angegeben wie Storcha und Baćoń, Wittichenau und Kulow.

 

Hoyerswerda heißt sorbisch Wojerecy, Bautzen wird auch mit der sorbischen Bezeichnung Budyšin genannt. Wie bei anderen großen Städten gelten auch für Cottbus, das sorbisch Chóśebuz heißt, je nach Straßen unterschiedliche Postleitzahlen, sodass hier auch alle Straßennamen auf Sorbisch verzeichnet sind.

Das Bekenntnis zu Christus erfordert Mut. Das gilt in einem zunehmend säkularen Europa, aber noch mehr weltweit. In vielen Ländern werden Christen verfolgt und leiden unter Krieg und Terror. Es fehlen die Mittel für die pastorale Arbeit. KIRCHE IN NOT hilft in über 140 Ländern verfolgten und notleidenden Christen. Durch unsere Arbeit laden wir dazu ein, über den Tellerrand zu schauen.

Was wir sehen, lässt uns staunen und gibt neuen Mut: vitale Kirchen, engagierte Gläubige, eifriges Bekenntnis, tätige Nächstenliebe und viele Berufungen. Die gelebte Liebe und das furchtlose Zeugnis dieser „Helden des Glaubens” gibt der Botschaft des Evangeliums immer neue Kraft. In einer Broschüre stellen wir solche Helden des Glaubens vor und bitten um Unterstützung für sie.
Der Priester Alexander Kotsyur hilft im umkämpften Gebiet in der Ostukraine.
Brennende Häuser in der Ostukraine. Die Donbass-Region rund um die Stadt Donezk ist immer noch umkämpft.
Kinder aus der Ukraine.
Jeder Tag ist für sie ein Kreuzweg

Einer dieser Helden des Glaubens ist der Priester Alexander Kotsyur aus der Ukraine. Er wurde erst vor wenigen Jahren zum Priester geweiht – aber jeder Tag seines priesterlichen Lebens ist ein Kreuzweg.

Kotsyur gehört zu einer Gruppe von Priestern, die die kleine katholische Minderheit in der Donbass-Region in der Ostukraine betreuen. Dort tobt seit Jahren ein brutaler Krieg zwischen der Ukraine und prorussischen Kräften.

Große Not im Osten der Ukraine

„Auch wenn die westlichen Medien kaum darüber berichten: Jeden Tag kommen dort Menschen ums Leben. Ich habe schon so viele Menschen sterben sehen“, berichtet der Priester. Die Bewohner sind abgeschnitten von jedem Kontakt nach außen. Viele Häuser sind zerstört. Die Not ist groß. Es fehlt an fast allem.

Allein die Priester haben die Möglichkeit, die Kriegszone zu verlassen. Sie bringen Hilfskonvois auf den Weg. Häufig werden diese jedoch beschossen. Die Menschen sind für jede Gabe dankbar: eine warme Mahlzeit, ein Lebensmittelpaket oder auch ein kleines Weihnachtsgeschenk.

In Privathäusern und ausgebrannten Kapellen feiern die Priester mit den Gläubigen die heilige Messe. „Am schlimmsten ist es, wenn junge Menschen sterben. Sie gehen nur kurz raus zum Angeln oder um Freunde zu treffen und kommen nie wieder“, erzählt Kotsyur.

Doch gerade für Kinder und Jugendliche versucht er, sich immer wieder zusammenzureißen und Zuversicht zu verbreiten. In den Dörfern organisiert er zusammen mit freiwilligen Helfern Freizeitprogramme für Kinder. „Nur ein paar Stunden Abwechslung“, so der Priester.

Große psychische Belastung für Seelsorger

Es ist eine Abwechslung, die ihm selbst nicht gegönnt ist. „Die psychische Belastung ist enorm. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte. Ich bin jeden Tag bereit, mein Leben zu verlieren.“

Diese und weitere Beispiele finden Sie in unserer neuen Broschüre „Helden des Glaubens“. Weisen Sie auch Freunde und Bekannte darauf hin! Die Geschichten der Helden des Glaubens sind das beste Argument gegen Kirchenkritiker.

Bitte helfen Sie den Helden des Glaubens mit Ihrer Spende. Ihre Hingabe ist eine Anfrage an unsere Nächstenliebe. Seien Sie durch Ihre Großherzigkeit die Antwort darauf!

Lettland gilt bis heute als ein überwiegend evangelisches Land. Protestantisch waren seit der Reformation die Baltendeutschen und die einheimischen Letten und Liven. Doch neben Hunderttausenden von zugewanderten orthodoxen Russen gibt es in Lettland auch 400 000 Katholiken.
Erzbistum und Sitz einer Kirchenprovinz ist die Hauptstadt Riga, wo dem Erzbischof und Kardinal die Suffraganbistümer Liebau (Liepaja), Mitau (Jelgava) und Rositten-Aglona (Rezekne-Aglona) unterstehen. Die vier Diözesen entsprechen den historischen Provinzen Lettlands.
Den Doppelnamen Aglona-Rositten verdankt die Diözese dem marianischen Zentrum des Landes Aglona in Latgalien. Hier liegt unweit von Dünaburg (Daugavpils) der Wallfahrtsort Aglona, dessen Wallfahrtskirche Konkathedrale der jungen Diözese Rositten-Aglona ist.

Die Wallfahrt in Aglona gilt einem Gnadenbild, das seit dem Jahr 1400 hier verehrt wird. Die Kirche ist ein Barockbau des 18. Jahrhunderts, der die russische Okkupation nach 1795 ebenso überlebt hat wie die Besetzung Lettlands 1945. Nur hier im Osten Lettlands bilden die lettischen Katholiken zusammen mit der polnischen Minderheit eine Mehrheit.
Blick von der Willibaldsburg auf Eichstätt. Hier lebte Bischof Boleslaus Sloskans für einige Zeit.
Blick auf die Wallfahrtskirche in Aglona.
Zbignevs Stankevics, Erzbischof von Riga.
Gnadenbild wird seit 1400 verehrt

Ende des 19. Jahrhunderts setzte ein nationales Erwachen ein, nachdem in Latgalien die Russifizierungspolitik heftiger war als in den baltischen Provinzen. Latgalien gehörte zum Gouvernement Witebsk. Die Russifizierung nach der Aufhebung der Leibeigenschaft ging Hand in Hand mit einem Sprach- und Druckverbot des Latgalischen bis 1904, während das Lettische von diesem Verbot nicht betroffen war (wohl aber das Litauische).

Am 18. November 1918 wurde die Republik Lettland gegründet, in der Latgalien den dritten Stern über dem Staatswappen bildete. In der harten Zeit der sowjetischen Okkupation (ab 1949) stand die katholische Kirche zum Latgalentum. Kardinal Julijans Vajvods ließ als Bischof von Riga nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil neben dem Lettischen auch das Latgalische als Kirchen- und Liturgiesprache zu.

Kardinal Vajvods, der als über 90-jähriger Bischof noch das Ende des Kommunismus erlebte, wollte in Aglona begraben sein, ebenso der Bischof Boleslaus Sloskans, der im Exil 1981 in Belgien starb und ein enger Freund von Pater Werenfried van Straaten war.

1986, als Lettland noch unter sowjetischer Herrschaft stand, konnten nur die Letten im Exil den 800. Jahrestag des Beginns ihrer Christianisierung feiern. Sie taten dies in Rom mit Papst Johannes Paul II., der damals die Hoffnung aussprach, bald Lettland und das Marienheiligtum in Aglona zu besuchen. Erst 1993 war ihm dies möglich.

Wallfahrt am Tag vor Mariä Himmelfahrt

Im Jahre 1186 hatte Erzbischof Hartwig II. von Bremen den Augustiner-Chorherren Meinhard aus Bad Segeberg in Holstein zum Bischof der Liven geweiht. Ihm waren nach seiner Bischofsweihe noch zehn Jahre der Wirksamkeit vergönnt, ehe er am 14. August 1196 starb. Sein Fest wird an seinem Todestag begangen, also einen Tag vor dem Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel, dem Tag der traditionellen Wallfahrt in Aglona.

Obwohl sich in der Reformation der größte Teil des heutigen Lettlands von der Katholischen Kirche trennte, ist Lettland immer ein marianisches Land geblieben. Das Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes in Riga blieb erhalten.

Zahlreich sind die Mariengedichte und Lieder lettischer evangelischer Dichter. Das gilt noch mehr von dem Teil Lettlands, der unter polnischer Herrschaft katholisch blieb und erst bei den polnischen Teilungen an Russland kam: Latgalien mit seinem Hauptheiligtum Aglona im Osten Lettlands.

Kirche im Jahr 1780 fertiggestellt

Das 1699 gegründete Dominikanerkloster Aglona beherbergt in der 1780 gebauten Kirche ein Gnadenbild, das eine Nachbildung der Muttergottes von Trakai in Litauen ist. Vor dem Zweiten Weltkrieg, als Lettland wie Litauen und Estland unabhängige Staaten waren, besuchten jährlich bis zu 200 000 Pilger diesen Gnadenort.

Nach der Besetzung durch die Russen wurde 1940/41 auch hier das Kloster samt der wertvollen Klosterbibliothek völlig zerstört. Die Kirche mit dem Gnadenbild jedoch ist erhalten geblieben und wurde trotz der bolschewistischen Okkupation weiter von zahlreichen Pilgern besucht.

Heute ist Aglona das Herz des Katholizismus in Lettland, wo auch der polnische Papst bei seinem Besuch zur Muttergottes betete und wohin auch viele Polen, Litauer und Weißrussen wallfahren. Diesem Geist der Völker-Versöhnung hatte auch Bischof Boleslaus Sloskans sein Leben geweiht.

Nachdem er 1981 im belgischen Exil, starb, hat die Kirche Lettlands nach der Wende den Seligsprechungsprozess für ihn eingeleitet. Boleslaus Sloskans wurde am 31. August 1893 im damals vom Zaren beherrschten Lettland geboren und ist dort aufgewachsen. Als 18-jähriger trat er 1911 in das Priesterseminar von Sankt Petersburg ein, wo er am 21. Januar 1917 von Erzbischof Johann Cieplaks zum Priester geweiht wurde.

Das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau.
Darstellung der Himmelfahrt Mariens auf einer Ikone.
Seligsprechungsprozess für Bischof Sloskans

In dieser Zeit der Verfolgung schickte Papst Pius XI. den Jesuiten Michel d’Herbigny nach Moskau. Pater d’Herbigny verhandelte offiziell wegen Hilfsmaßnahmen für die notleidende Bevölkerung, hauptsächlich für die hungernden Kinder, er hatte aber auch von Nuntius Eugenio Pacelli in Berlin die Bischofsweihe erhalten und hatte Vollmacht und Auftrag des Papstes, Bischöfe für die Kirche in Russland geheim zu weihen.

Hinter den verschlossenen Türen der St. Ludwigskirche in Moskau legte er am 10. Mai 1926 dem jungen Priester Boleslaus Sloskans die Hände zur Bischofsweihe auf und ernannte ihn zum Apostolischen Visitator für Mohilev und Minsk.

Der geheim Geweihte kehrte in seine nun Leningrad genannte Pfarrei zurück, wo er als einfacher Priester lebte, aber seine Diözese zu bereisen versuchte, um heimlich zu firmen. Schon nach einem Jahr wurde Sloskans am 11. Mai 1927 verhaftet. Sechs Jahre lang wurde er gefoltert und gequält, darunter auch auf der berüchtigten KZ-Insel Solowki im Weißen Meer.

Um des Glaubens willen gelitten

Pater Werenfried schrieb über dieses Schicksal: „In 17 Sowjetgefängnissen hat er um des Glaubens willen gelitten. In dem Moskauer Lubjanka-Gefängnis wurde er, nackt auf einen Tisch gebunden, bis aufs Blut gegeißelt. Er wurde aufrecht stehend in einen schmalen Käfig gepresst, worin ihm keine einzige Bewegung möglich war und Tag und Nacht eiskaltes Wasser auf seinen Kopf tropfte.

Wochenlang lag er unter dem blendenden Licht eines Scheinwerfers platt auf dem Rücken an den Boden gekettet. Drei Monate wartete er in der stockfinsteren Todeszelle auf seine Hinrichtung. Seine einzige Nahrung war eine faule Suppe, und die Zeit konnte er nur an den Schritten der Gefangenen abschätzen, die aus den Nachbarzellen zum Erschießen abgeführt wurden.

Blick auf die Altstadt von Riga mit Dom und dem Fluss Düna.
An den Boden gekettet

Trotz all dieser Marterung blieb sein Geist ungebrochen. Ohne Nachlassen meditierte er betend den Kreuzweg und die Mysterien des Rosenkranzes. Als ein Wärter sein Lächeln sah und erstaunt ausrief: ‚Du bist glücklich?!’ antwortete der Bischof: ‚Ja, denn ich bin völlig frei, während Sie es nicht sind’.“

Etwas weiter heißt es: „Im Jahre 1933 erwirkte die Regierung von Lettland im Tausch gegen einen russischen Spion seine Freilassung. Der Bischof weigerte sich, die Sowjetunion zu verlassen, weil er sich dazu verpflichtet fühlte, als Hirte bei seiner Herde zu bleiben.

Als ein kirchlicher Diplomat ihm wahrheitswidrig mitteilte, der Papst habe ihn nach Rom gerufen, gehorchte er mit blutendem Herzen. In Rom musste er erleben, dass Papst Paul Pius XI. die Erklärung seines Nuntius Lügen strafte und den Grundsatz bestätigte, dass ein Bischof bei seiner Herde zu bleiben hat.

Als viele Jahre später diesem Prinzip von neuem zuwider gehandelt wurde, hat mir Bischof Sloskans sein Geheimnis anvertraut mit der Erlaubnis, es nach seinem Tode bekannt zu geben. Das tue ich jetzt aus Liebe zur Kirche, in der die Diplomaten keine führende, sondern eine untergeordnete Rolle spielen müssen.“

Bischof Sloskans lebte einige Zeit in Eichstätt

Von Rom kehrte Sloskans nach Lettland zurück, wo er an der Theologischen Fakultät in Riga Moral und Aszetik lehrte. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges brachten ihn die Nationalsozialisten nach Deutschland. Einige Zeit verbrachte er in Eichstätt (Bayern).

1947 ging er nach Belgien, wo er bei Brüssel ein Seminar für lettische Priester gründete. Im Jahre 1952 ernannte ihn Pius XII. zum Apostolischen Visitator für die Russen und Weißrussen, 1955 auch zum Moderator für Letten und Esten im Exil.

In dieser Zeit bis 1979 wohnte Sloskans in der Abtei Keyserberg in Löwen. Er nahm regelmäßig an den Internationalen Kongressen „Kirche in Not“ in Königstein teil, wo ihm der Leiter der Königsteiner Anstalten, Prälat (und seit 1966 Weihbischof) Kindermann die Eröffnung des Kongresses anvertraute, weil er ihn als lebendes Symbol der verfolgten Kirche betrachtete.

Sowjets ermordeten seine ganze Familie

Bis zu seinem Tode 1981 blieb Bischof Sloskans ein Mann der Innerlichkeit und des Gebetes. Er war der letzte Zeuge der frühen Vatikanischen Ostpolitik der 1920er-Jahre. Die Sowjets ermordeten seine ganze Familie. Kein Leid konnte ihn verbittern.

Pater Werenfried konnte es noch erleben, dass die Sowjetunion 1991 zerfiel, Lettland wieder seine Freiheit erhielt, dass der tote Bischof in seine Heimat zurückkehren und in der Krypta der Basilika von Aglona ruhen konnte.

Die Welt ist im Fußballfieber. Die Weltmeisterschaft findet noch bis zum 15. Juli 2018 in Russland statt. KIRCHE IN NOT und die Projektpartner in über 140 Ländern organisieren jeden Tag „eine Weltmeisterschaft“ der Hilfe, der Solidarität und des Glaubens – dank der Hilfe unserer Wohltäter!

Verfolgte und notleidende Christen weltweit brauchen unsere Hilfe. Unter ihnen sind auch viele Nationen, die an der Weltmeisterschaft teilnehmen – zum Beispiel Nigeria, Mexiko, Kolumbien, Ägypten, Serbien und andere mehr.
Fußballmannschaft eines Priesterseminars aus der Demokratischen Republik Kongo.
Junge mit Fußball
Fußballer in der Ukraine.
Fußball bringt zusammen.
Hoffnung auf eine friedliche Zukunft: Fußballturnier in Karakosch in der Ninive-Ebene im Irak.

In vielen Ländern leiden Christen unter Verfolgung und Terror, Armut und Diskriminierung.

Sie sollen nicht zu den Verlierern gehören!

In den nächsten WM-Wochen stellen wir hier einige Beispiele unserer Arbeit vor. Das gilt erst recht für die Länder, in denen Kinder in Trümmern und Elend Fußball spielen – vor allem in den Flüchtlingslagern im Nahen Osten.

KIRCHE IN NOT hilft, damit Wunden des Krieges heilen können und die Menschen eine Zukunft in Ihrer Heimat haben. Ein besonders enges Band verbindet KIRCHE IN NOT auch mit dem WM-Gastgeber Russland. In der Zeit des kommunistischen Terrors schlug unser Gründer, Pater Werenfried van Straaten, eine Brücke der Solidarität über Mauern und Stacheldraht.

Brücke der Solidarität

Viele Bischöfe, Priester und Laien verschwanden spurlos in Gulags und Gefängnissen. Christen konnten vielfach nur heimlich die Messe feiern. KIRCHE IN NOT sicherte ihr Überleben. Nach dem Ende der Sowjetherrschaft nahm unser Gründer auf Wunsch des heiligen Papstes Johannes Paul II. auch die russisch-orthodoxe Kirche in die Hilfe von KIRCHE IN NOT auf. Und wieder entstanden Brücken der Ökumene, des Glaubens und des Neuanfangs aus materiellen wie moralischen Trümmern.

Mit dem historischen Treffen von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill im Februar 2016 ging auch für KIRCHE IN NOT ein Traum in Erfüllung. Die Zusammenarbeit wurde intensiviert, zum Beispiel im Einsatz für das Leben oder beim Wiederaufbau in den kriegsgeplagten Irak und Syrien.

Neues „Fairplay“ – allen Gegensätzen und weltpolitischen Fouls zum Trotz – damit der Glaube gewinnt, weltweit! Helfen Sie mit!

Die Ukraine ist ein Land im Fadenkreuz: Die Auseinandersetzung mit Russland hat im Osten des Landes zu einem Krieg geführt, in dem bis heute Menschen sterben. Wie schon oft in seiner Geschichte ist die Ukraine ein Spielball der Mächtigen, zerrissen von politischen und wirtschaftlichen Interessen.

Zerrissenheit prägt auch die Kirche des Landes. Nicht nur verschiedene christliche Konfessionen stehen sich gegenüber, auch die Jahre der kommunistischen Verfolgung wirken noch nach.

KIRCHE IN NOT engagiert sich seit über fünf Jahrzehnten für die Christen in der Ukraine. Über alte Wunden und neue Herausforderungen hat sich Tobias Lehner, Referent für Öffentlichkeitsarbeit bei KIRCHE IN NOT Deutschland, bei einer Reise informiert. Mit Berthold Pelster, Experte für Fragen in Angelegenheiten zur Religionsfreiheit, sprach er über seine Erfahrungen.
Marsch für das Leben in Kiew.
Brennende Häuser in der Ostukraine nach Raketenbeschuss.
Junge Erwachsene aus der Ukraine beim Beten.
Studenten am Priesterseminar in Lemberg (L’viv).
BERTHOLD PELSTER: Vor gut vier Jahren blickte die Weltöffentlichkeit auf die Ukraine: Blutige Proteste in der Hauptstadt Kiew, Annexion der Halbinsel Krim durch Russland und Krieg in der Ostukraine. Heute ist es ruhig um das Land geworden. Trügt die Stille?

TOBIAS LEHNER: Absolut. Die Ukraine ist ein Land im Krieg. Er ist allgegenwärtig in den Erzählungen der Menschen – auch wenn diese in vergleichbarer Sicherheit und Frieden leben. Trotz zweier Waffenstillstandsabkommen wird Tag für Tag in der Donbass-Region im Osten des Landes geschossen. Die Zahl der Opfer ist auf über 10 000 gestiegen.

Ich bin einem Priester begegnet, der immer wieder in die Kriegsregion reist und den Menschen beisteht. Er erzählte mir, dass genau an dem Tag, als wir miteinander sprachen, der Hilfskonvoi eines Mitbruders beschossen wurde und komplett ausbrannte – Gott sei Dank waren der Priester und die freiwilligen Helfer kurz zuvor ausgestiegen und in Sicherheit.

„Begegnungen, die unter die Haut gehen”

In Charkiw nahe der russischen Grenze habe ich eine Frau getroffen. Sie war mit ihrem Mann und zwei kleinen Kinder erst eine Woche zuvor Hals über Kopf aus dem Kriegsgebiet geflüchtet. Sie hatten nur das bei sich, was sie am Leib trugen. Jetzt wird sie in einem Zentrum des Bistums versorgt. Solche Begegnungen gehen schon unter die Haut.

Ein weiterer Konfliktherd ist nach wie vor die Halbinsel Krim. Sie wurde im März 2014 von Russland annektiert. International wurde dies als völkerrechtswidrig eingestuft. Was konnten Sie über die Lage dort erfahren?

Der Weihbischof der Diözese Odessa-Simferopol, Jacek Pyl, der für die katholische Minderheit auf der Krim zuständig ist, berichtete von einer zwiespältigen Situation.

Zum einen leben die Menschen dort in Frieden, auch wenn er brüchig ist. Auch die Kirche kann ihrer Arbeit weitgehend nachgehen.

Zum anderen ist die humanitäre Lage für viele Menschen auf der Krim äußerst angespannt. Die Lebensmittelpreise sind stark gestiegen. Gerade Familien mit Kindern oder alte Menschen können sich das Lebensnotwendigste nicht mehr leisten. Das Bistum hilft mit Lebensmittelpaketen und wird dabei von KIRCHE IN NOT unterstützt.

Mein Eindruck war: Die Wunde Krim schmerzt stark. Aber die Kirche nimmt die Situation an, wie sie ist und versucht jenseits der Politik für die Menschen da zu sein.

Politisch stark involviert war die Kirche bei den Protesten im Winter 2013/2014 auf dem Maidan-Platz in Kiew. Diese richteten sich gegen die Politik des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Die Proteste wurden blutig niedergeschlagen. Ein Ziel wurde aber erreicht: vorgezogene Neuwahlen, bei denen Petro Poroschenko die Macht errang. Steht der Maidan in der Wahrnehmung der Menschen für Scheitern oder Sieg?

Die Ereignisse des Maidan sind überall im Land präsent. In Kiew haben alle Gesprächspartner erzählt, wie sie in den Kirchen und Klöstern Demonstranten aus dem ganzen Land aufgenommen und Verwundete versorgt haben.

Seit dem Maidan ist für die Mehrheit der Ukrainer unumstößlich klar: Der Weg geht nach Europa. Das war vorher nicht so selbstverständlich.

Die „Revolution der Würde“, wie die Maidan-Proteste auch genannt werden, hat vielen Ukrainern, auch der Kirche, neues Selbstbewusstsein gegeben. Die verschiedenen christlichen Konfessionen in der Ukraine standen zusammen. Die Menschen haben die Kirche als Anwältin des Volkes erlebt. Das bleibt – auch wenn viele Menschen mit Enttäuschung auf den Maidan zurückblicken.

Inwiefern?

Korruption und Oligarchie liegen nach wie vor wie Mehltau über dem Land. Der Krieg in der Ostukraine findet kein Ende. Die Machtbegierden Russlands sind eine ernsthafte Bedrohung. Der Eindruck vieler meiner Gesprächspartner war, dass die Regierung Poroschenko dem zu wenig entgegensetzt.

Insofern liegen große Erwartungen auf den anstehenden Präsidentschaftswahlen, die für 2019 geplant sind. Sie bergen aber auch die Gefahr neuer Unruhen …

Sie haben das komplexe Verhältnis der christlichen Konfessionen angesprochen. Wie steht es um die Ökumene?

Die Lage ist für einen Westeuropäer wirklich unübersichtlich: Es existieren im Wesentlichen drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine, und auch die katholische Kirche tritt in zwei unterschiedlichen Erscheinungsformen auf: in der römisch-katholischen Form, wie wir sie kennen, und in der griechisch-katholischen.

Diese Kirche pflegt die ostkirchliche Liturgie und Kirchenbräuche, steht aber in voller Einheit mit dem Papst. Bedingt durch historische und politische Einflüsse ist das Verhältnis der Kirchen nach wie vor nicht spannungsfrei. Es gibt aber Signale der Annäherung.

Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew im April 2014.
Pater-Werenfried-Plakette im Priesterseminar von Lemberg.
Lebensmittelhilfe für eine Familie auf der Halbinsel Krim.
Gedenkstätte für Opfer der Maidan-Proteste in Kiew.
Drei orthodoxe und zwei katholische Kirchen

So fand zum Beispiel Anfang Juni in Kiew ein großer „Marsch für das Leben“ statt, den der römisch-katholische Bischof von Kiew organisiert hatte.

Christen aller Konfessionen und auch Vertreter der Muslime gingen gegen die Gender-Ideologie, für das Recht auf Leben und den Schutz der Familie auf die Straße. Das waren rund 10 000 Menschen! Solche Signale braucht die ganze ukrainische Gesellschaft dringend.

Was meinen Sie damit?

Nicht nur Korruption und Krieg, auch Armut und Drogen drohen die Ukraine zu zerreißen. Die Kirche geht mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen an.

Zwei Beispiele: In einem Kloster der Kapuziner erzählte man mir, dass für einen Neubau in der Regel enorme Bestechungsgelder fällig werden. Die Ordensmänner folgen der strikten Devise: Mit Korruption machen wir uns nicht gemein; wir zahlen nicht. Die Folge sind nicht nur Verzögerungen beim Bau, sondern auch manche Anfeindungen.

Großes Vertrauen in die Kirche

Beispiel zwei: Ich habe ein Mutter-Kind-Haus bei Charkiw besucht, das von Ordensfrauen geleitet wird. Schwangere Frauen, viele von ihnen aus schwierigen Verhältnissen und oft drogenabhängig, finden dort Unterkunft. Eine erst 18-Jährige, bereits zweifache Mutter, gestand: „Ohne die Schwestern hätte ich abgetrieben.“

In der Ukraine konnte ich erfahren, was im besten Wortsinne katholische, also „allumfassende“ Hilfe bedeutet: Hilfe ohne Ansehen der Person und Religion.

Das ist der große Unterschied zu den Sekten, die in der Ukraine immer mehr an Zulauf gewinnen. Der Bischof von Kiew, Witalij Krywyzkyj, sagte mir: „Die Kirche ist die einzige Institution, der die Menschen noch vertrauen.“

Das überrascht ja erst einmal, wenn man sich vor Augen führt, dass die Ukraine fast ein Dreivierteljahrhundert kommunistisch beherrscht war. Teilweise war die Kirche blutig verfolgt. Wie steht es um das kirchliche Leben?

Ich war beeindruckt, eine so lebendige katholische Kirche in der Ukraine zu erleben – obgleich sie eine Minderheit von etwa fünf Millionen Menschen ausmacht; die Mehrheit der Ukrainer ist russisch-orthodox.

Die Gottesdienste sind gut besucht, viele junge Leute und Kinder kommen. Die neuen geistlichen Gemeinschaften spielen eine große Rolle in der Ukraine und haben regen Zulauf.

Wichtig für die Glaubensverbreitung ist auch die kirchliche Medienarbeit, die KIRCHE IN NOT ebenfalls unterstützt. Wenn man die Kirche in der Ukraine sieht, versteht man, was Papst Johannes Paul II. mit Neuevangelisierung gemeint hat!

Es gibt auch viele Berufungen. In Lemberg (L’viv) zum Beispiel befindet sich eines der größten Priesterseminare der Welt, das zur griechisch-katholischen Erzeparchie gehört: 202 Seminaristen und 40 Kandidaten im ersten Studienjahr!

Eines der größten Priesterseminare der Welt

Es ist eine Freude zu sehen, wie enteignete Kirchen wiederaufgebaut, geschlossene Klöster zum Leben erweckt wurden. Gleichzeitig sind die Wunden der Verfolgung noch überall sichtbar: die Erinnerung an die Märtyrer während der kommunistischen Herrschaft, kirchliche Häuser, die noch immer nicht zurückgegeben werden, die prekäre Situation vieler Geistlicher und der Gläubigen.

Also nach wie vor ein weites Feld für die Hilfe …

Vor 55 Jahren hat der Gründer von KIRCHE IN NOT, Pater Werenfried van Straaten, mit der Ukraine-Hilfe begonnen. Im Priesterseminar von Lemberg hat man ihm sogar ein Denkmal errichtet. Auch an anderen Orten, wo wir waren, sagte man uns: „Ohne die Hilfe von KIRCHE IN NOT hätten wir nicht überleben können.“ Und das gilt nach wie vor.

„Das Land droht auszubluten”

Die Kirche in der Ukraine ist heute zwar nicht mehr verfolgt, aber sie leidet. Das gilt im Hinblick auf die materielle wie geistliche Not der Menschen, die in einfachsten Umständen leben und von denen immer mehr keine Zukunft mehr in der Heimat sehen. Das Land droht auszubluten.

Die Kirche leidet aber auch in den großen Mühen ihrer Seelsorger. Ein Pfarrer in Odessa sagte mir: „Ich spare lieber das Geld für meine Krebsbehandlung, damit ich für meine Dorfgemeinde eine Kapelle bauen kann.“ Solche zupackende Hingabe habe ich überall in der Ukraine vorgefunden. Und die guten Früchte dieser Hilfe sind überall zu sehen.

Tobias Lehner, Referent für Öffentlichkeitsarbeit bei KIRCHE IN NOT Deutschland.
Jacek Pyl, Weihbischof in der Diözese Odessa-Simferopol/Ukraine.
In der Stadt Kapschagaj im Südosten Kasachstans haben über 60 Kinder ein neues Zuhause gefunden. Sie werden von katholischen Ordensfrauen betreut, denn eine Familie haben sie nicht.

Die Kinder haben schon früh erfahren müssen, was Leid ist: Die Mutter ist tot oder hat mit einem anderen Mann die Familie verlassen; der Vater ist Alkoholiker, arbeitet weit entfernt oder interessiert sich nicht für die Kinder. Manche Eltern leben auch auf der Straße, andere sind drogenabhängig oder im Gefängnis.
Eine Ordensschwester aus Kapschagaj und Kinder feiern Geburtstag.
Eine Ordensschwester aus Kasachstan bastelt mit Kindern.
Ein Kind malt ein Muttergottesbild aus.

Um solchen Kindern zu helfen, hatte 2001 ein italienischer Priester in Kapschagaj eine Art katholisches Zentrum gegründet. Er baute eine Kirche am Rand der 57 000-Einwohner-Stadt und erwarb einige Häuser.

Dort haben sich Schwestern niedergelassen, die Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen aufgenommen haben. Rund um das Zentrum hat sich eine katholische Gemeinde gebildet. Die Zahl der Gottesdienstbesucher, die aus der Stadt kommen, steigt.

Kinder erleben erstmals Geborgenheit

Die Kinder erleben hier zum ersten Mal in ihrem Leben Geborgenheit, Fürsorge und ein geregeltes Leben. Sie spielen, lernen und beten gemeinsam, und manchmal machen sie auch Ausflüge.

Da das Zentrum an einem See liegt, können die Kleinen die Schönheit der Natur quasi vor der Haustür erleben. Das ist eine kostbare Erfahrung für Kinder, die oft nur Elend und Unordnung kennengelernt haben.

Manche der ehemaligen Zöglinge der Schwestern haben inzwischen selbst eine eigene Familie. Sie sind noch immer mit dem Zentrum und der Kirchengemeinde verbunden und helfen, wo sie können.

Möbel und Elektrogeräte für das neue Haus

Nun konnte noch ein weiteres Haus eröffnet werden. Drei weitere Schwestern haben sich der Gemeinschaft in Kapschagaj angeschlossen und kümmern sich dort um die Kinder. Dank der Hilfe unserer Wohltäter, die 15.000 Euro gespendet haben, konnten Möbel und Elektrogeräte für das neue Haus angeschafft werden.

Die Schwestern schreiben uns: „Wir sind Ihnen sehr dankbar für Ihre Hilfe. Wir bemühen uns, alles für die Kinder und Jugendlichen zu tun, was uns möglich ist. Möge der Herr Sie segnen und Ihnen Seinen Frieden und Seine Freude schenken.“

Seit 23 Jahren schweigen die Waffen in Bosnien und Herzegowina. Doch das Land gleicht einem Pulverfass, erklärt Bischof Franjo Komarica.

Der 72-Jährige leitet die Diözese Banja Luka im Norden des Landes – und ist ein Freund klarer Worte, besonders wenn es um die katholische Minderheit geht. Diese sieht er nämlich nach wie vor an der Rückkehr gehindert und wirtschaftlich, sozial und religiös benachteiligt. Schwere Vorwürfe erhebt er gegen die Regierungen Europas: Sie verschlössen die Augen vor der religiösen Diskriminierung.

Warum immer mehr Katholiken das Land verlassen und wie die Kirche dennoch Versöhnung lebt, erklärt Bischof Komarica im Gespräch mit Tobias Lehner von KIRCHE IN NOT Deutschland.
Wallfahrt in Bosnien und Herzegowina.
Eine Kirche und eine Moschee in unmittelbarer Nachbarschaft in Sarajewo.
Im Juni 2015 hat Papst Franziskus Bosnien und Herzegowina besucht.
Gruppenfoto vor dem neuen Jugendzentrum in Sarajewo. Der Bau wurde von KIRCHE IN NOT unterstützt.
Jugendliche im Jugendzentrum in Sarajewo, das nach dem heiligen Johannes Paul II. benannt ist.
Franjo Komarica, Bischof von Banja Luka(/Bosnien und Herzegowina.
KIRCHE IN NOT: Bischof Komarica, der Bosnienkrieg ist seit dem Abkommen von Dayton im Jahr 1995 offiziell beigelegt. Aber wie sieht es in der Realität aus?

Bischof Franjo Komarica: Die Waffen schweigen zwar, aber der Krieg wird mit anderen Mittel fortgeführt. Es herrscht ein „kontrolliertes Chaos“ in Bosnien und Herzegowina. Mein Eindruck ist, als sei weder die Regierung noch die internationale Gemeinschaft am Aufbau eines Rechtsstaats interessiert, in dem Gleichberechtigung unter den Volksgruppen und Menschenrechte auch für Minderheiten garantiert werden.

Bosnien und Herzegowina steht bis heute faktisch unter dem Semiprotektorat der Vereinten Nationen. Ein Teil der Staatsgewalt wird von einem „Hohen Kommissar“ ausgeübt (seit 2009 der Österreicher Valentin Inzko; Anm. d. Red.). Aber er sagt, ihm seien hinsichtlich der politischen Entwicklung die Hände gebunden.

„Kein Interesse von der internationalen Gemeinschaft”

Das Land ist nach wie vor in drei Volksgruppen gespalten: Kroaten, Serben, Bosniaken. Die Kroaten sind mehrheitlich katholisch und die kleinste Bevölkerungsgruppe. Sie orientieren sich nach Europa. Die Serben, mehrheitlich orthodox, stehen stark unter dem Einfluss Russlands.

Und die muslimischen Bosniaken orientieren sich immer mehr in Richtung Türkei und der islamischen Welt. So entstehen gefährliche Zentrifugalkräfte. Und das schadet nicht nur dem Land, das schadet auch Europa!

Wie meinen Sie das?

Das serbische und das bosnische Volk werden durch den ausländischen Einfluss absichtlich in Feindschaft gehalten. Das Land ist nach wie vor ein Pulverfass! Und die Kroaten sind dazwischen.

Sie wurden während des Kriegs zu Hunderttausenden vertrieben und können auch mehr als zwanzig Jahre danach nicht zurück, obwohl ihnen im Dayton-Vertrag ein Rückkehrrecht zugestanden wurde. Das Gegenteil ist passiert: Viele gehen auch jetzt noch ins Ausland.

„Kroatische Minderheit nicht gleichberechtigt”

Wir haben von Seiten der Bischofskonferenz immer wieder gefordert, den Dayton-Vertrag zu ergänzen, um der kroatischen Minderheit mehr Sicherheit zu geben. Sie sind nach wie vor nicht gleichberechtigt.

Was sind die Gründe für diese Ungleichberechtigung der katholischen Minderheit?

Die Kroaten werden nicht als konstitutive Volksgruppe für Bosnien und Herzegowina behandelt. Auch viele ausländische Regierungen erklären, dass für sie Bosnien und Herzegowina nur aus zwei Völkern besteht: den Serben und den Bosniaken.

Das hat schwerwiegende Folgen, wie ein Beispiel aus der Republik Srpska zeigt (die Republik Srpska wurde im Vertrag von Dayton als „zweite Entität“ des Bundestaates Bosnien und Herzegowina geschaffen und umfasst weite Teil im Norden und Osten des Landes; Anm. d. Red.).

Franjo Komarica, Bischof von Banja Luka/Bosnien und Herzegowina.
„Wir brauchen die Kroaten unbedingt hier“

Dort sind in den 69 Pfarreien, die vor dem Krieg dort bestanden, nur etwa fünf Prozent der Katholiken zurückgekehrt. Und in den anderen Landesteilen wandern jetzt sogar noch Katholiken ab. Die Kroaten haben weder politische, noch rechtliche, noch finanzielle Unterstützung.

Es ist ihnen nahezu unmöglich, ihre Häuser wiederaufzubauen oder eine Arbeit zu finden. Sie werden systematisch diskriminiert. Das ist ein schwerer Schaden für das ganze Land. Das sehen im Übrigen auch die anderen Religionen so: Ich habe kürzlich mit dem bosnischen Großmufti gesprochen. Auch er sagt: „Wir brauchen die Kroaten unbedingt hier!“

Der ranghöchste Muslim im Land hat also das Problem erkannt. Tun es auch seine Glaubensgeschwister? In jüngster Zeit war zu hören, dass sich auch in Bosnien und Herzegowina Muslime radikalisieren ….

Ja, diese Entwicklung gibt es. Aber noch schlimmer als die religiöse ist die existenzielle Diskriminierung. Um es klar zu sagen: Auch unter Verfolgung können wir unseren Glauben bewahren – und das haben wir auch getan. Aber wenn die Katholiken kein Recht haben auf ihre Heimat und ihr Eigentum, dann wirkt das noch zerstörerischer.

Laut Verfassung ist Religionsfreiheit garantiert

Ein Beispiel: Der Bürgermeister eines Ortes in meiner Diözese sagte mir: „Ihr dürft hier keine Kirche bauen.“ Dabei hatte es dort vor dem Krieg eine katholische Pfarrei gegeben! Er hat auch kein Recht dazu, denn in der Verfassung von Bosnien und Herzegowina ist Religionsfreiheit garantiert.

Also habe ich Widerspruch eingelegt. Aber auch die übergeordnete Stelle hat mich abgewiesen. Schließlich bin ich zum Vertreter der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, zuständig für die Koordination des Wiederaufbaus; Anm. d. Red.) gegangen.

Er sagte mir: „Bischof, ich verbiete Ihnen eine Kirche zu bauen!“ Ich habe ihm die Bilder der alten Pfarrkirche gezeigt und auch das Bild des Pfarrers, der im Krieg ermordet wurde. Er hat sich weder entschuldigt, noch den Kirchenbau erlaubt. Das ist ein offener Angriff auf die katholische Kirche. Mir wurde auch wiederholt gesagt: „Ihr Katholiken müsst aus dem Land verschwinden.“

Diese dramatische Situation der Katholiken in Bosnien und Herzegowina ist im Ausland nur wenig bekannt. Was fordern sie von der internationalen Gemeinschaft?

Die Politiker müssen endlich Farbe bekennen und diese schwere Diskriminierung mitten in Europa verurteilen. Das gilt besonders für die Christen. Ich erwarte von denjenigen, die es ernst mit dem Glauben meinen, dass sie sich auch für die entrechteten Menschen in meiner Heimat einsetzen – mit Worten und Taten.

„Eine Blamage für Europa“

Bislang verhallten unsere Appelle ungehört. Das ist eine Blamage für Europa! Quo vadis, Christentum in Europa? Wie wollen wir anderen Völkern unsere christlichen Werte näherbringen, wenn wir solch eine Entwicklung im eigenen Haus zulassen und wegschauen?

So viel Hass und Zwietracht wurde in Bosnien und Herzegowina gesät. Was kann die katholische Kirche dennoch tun, damit die Gesellschaft wieder zusammenfindet?

Wir Katholiken sind die älteste Glaubensgemeinschaft des Landes. Wir fühlen uns verpflichtet, dass unsere Heimat zu einem gerechten und dauerhaften Frieden findet! Wir leisten Versöhnungsarbeit vor allem durch unsere sozialen Angebote und die Bildungsarbeit, vor allem in unseren katholischen Schulen.

„Ich trete für die Wahrheit ein”

Auch wenn wir von der Politik für diesen Einsatz bestraft werden! Deshalb bin ich Hilfswerken wie KIRCHE IN NOT so dankbar, dass sie auf unser Schicksal aufmerksam machen und uns unterstützen. Ich werde weiter für die Wahrheit eintreten, obwohl ich dafür bereits tätlich angegriffen wurde. Unsere Gegner werden gewinnen, wenn wir schweigen!

TV-Tipp: Katholiken in Bosnien und Herzegowina

Ein zweiteiliges Fernsehinterview zum Thema „Der Heimat beraubt – Katholiken in Bosnien und Herzegowina“ mit dem Bischof von Banja Luka, Franjo Komarica, und dem Journalisten und Buchautor Winfried Gburek finden Sie in der Mediathek von KIRCHE IN NOT.

Die Beiträge sind auch kostenfrei (zzgl. Versandkosten) bestellbar unter: kontakt@kirche-in-not.de.

Jugendlicher aus Sarajewo bekennt sich zu seinem Glauben (Vjerujem heißt Ich glaube).
Helfen Sie mit Ihrer Spende

KIRCHE IN NOT steht seit über drei Jahrzehnten den Katholiken Bosniens und Herzegowinas bei. Die Hilfe umfasst vor allem den Wiederaufbau kriegszerstörter Kirchen, Klöster und die Renovierung eines Priesterseminars.

Darüber hinaus unterstützt KIRCHE IN NOT auch die Anschaffung von Fahrzeugen für die Seelsorge, den Aufbau von Pastoralzentren, die Ausbildung von Priestern und Ordensleuten und leistet Existenzhilfe für kontemplative Klöster. Auch die kirchliche Jugend- und Medienarbeit gehört zu den Förderprojekten.

Um weiter helfen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden.

„Sie ist stärker als Tito“, ruft ein Arzt lachend über den Gang der Unfallchirurgie der Universitätsklinik von Sarajewo. Und die angesprochene Ordensschwester Marija Bešker, 61 Jahre alt, gibt zurück: „Natürlich. Der Staatspräsident ist lange tot. Und ich bin Gott sei Dank ziemlich lebendig.“
In dem Jahr, als der kommunistische Diktator Tito starb, 1980, legte sie ihre ewigen Gelübde bei den „Franziskanerinnen von Christus dem König“ ab. Ihr „erster Beruf“, wie sie sagt: Ihr Leben Gott zu weihen.

Nicht selbstverständlich in einem System, in dem Christen wegen ihres Bekenntnisses inhaftiert und getötet wurden. In ihrer Großfamilie – Schwester Marija wuchs mit 13 Geschwistern auf – stand die Treue zum Glauben außer Frage. Und die Verwandten erkannten schnell: Das quirlige Kind könnte ihre Durchsetzungskraft auch gut in den Dienst Gottes stellen. „Meine Tante war bereits Ordensschwester. Als ich klein war, meinte mein Onkel zu mir, ich könnte einmal ihre Oberin werden“, erzählt Schwester Marija und schmunzelt. Aus erster Ablehnung wurde umso entschiedenere Zustimmung: Schon mit 14 Jahren begab sie sich in die Obhut der Franziskanerinnen, trat wenig später ein. Das war in Mostar, in der Herzegowina. In den neunziger Jahren wurde die Stadt mit ihrem Wahrzeichen, der steil zulaufenden „Alten Brücke“, zum Symbol des Krieges und Mordens zwischen den Volksgruppen des zerfallenen Jugoslawiens, zwischen Christen und Muslimen.
Schwester Marjia Bešker bei einer Patientin.
Schwestern der Kongregation der Franziskanerinnen von Christus dem König.
Kirche und Moschee in Sarajewo.
Schwester Marija im Einsatz am Eingang der Universitätsklinik in Sarajewo.
Die „Realität des Bösen“ ausgehalten

Den Krieg erlebte Schwester Marija jedoch bereits dort, wo sie ihren „zweiten Beruf“ gefunden hat: Im Klinikum von Sarajewo, wo sie als Krankenschwester, Seelsorgerin, Organisationstalent und „Frau für alles“ seit Mitte der achtziger Jahre arbeitet. Dabei war das Engagement des Ordens im Krankenhaus aus der politischen Not geboren: Die Franziskanerinnen von Christus dem König – das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ unterstützt sie seit langem – widmeten sich ursprünglich der Sorge für Waisenkinder. Doch das kommunistische Regime ließ es nicht zu, dass die Schwestern Waisenhäuser, Kindergärten oder gar Schulen betrieben. So musste auch Schwester Marija einen anderen Beruf erlernen und wurde Krankenpflegerin. Eine Entscheidung, die sie nie bereut hat – nicht einmal im Bosnienkrieg.

Sie hatte sich bewusst entschieden, auch im Feuerbeschuss mit unzähligen Toten, Schwerverwundeten und Traumatisierten in Sarajewo zu bleiben. „Es galt, die Realität des Bösen auszuhalten“, erinnert sie sich. Die Erinnerungen an die Kriegsjahre wirken nach – nicht nur geistig. Noch heute besucht Schwester Marija nach Dienstschluss Patienten von damals, die es bis heute schwer haben, weil die Kriegstraumata sie nicht loslassen, die nicht arbeiten können oder durch Kriegsschäden schwerbehindert sind. Doch selbst in Kriegsschrecken sei eine positive Erinnerung haften geblieben, so Schwester Marija: „Auch in den schlimmsten Kämpfen haben unsere Ärzte und das Pflegepersonal nie einen Unterscheid gemacht, wenn es um die Rettung eines Kroaten oder Serben, eines Christen oder eines Muslims ging.“

Selbstbewusstsein und Hoffnung trotz Unsicherheiten

Das Krankenhaus als Ort ohne soziale und religiöse Schranken: Dieses Beispiel kann der aus dem Krieg hervorgegangene Staat Bosnien und Herzegowina dringend brauchen. Denn Diskriminierung und wirtschaftliche wie soziale Ungleichheit sind nach wie vor an der Tagesordnung: Laut katholischem Erzbistum Vhrbosna mit Sitz in der Haupstadt Sarajewo verlassen jährlich bis zu 10 000 Katholiken das Land. Die meisten von ihnen sind Kroaten.

Grund ist neben der wirtschaftlichen Unsicherheit auch die religiöse Diskriminierung. Denn radikale islamische Strömungen im Land haben Zulauf – verstärkt durch Einflüsse aus dem Ausland. So hält der Exodus an, der im Bosnienkrieg begonnen hat. „Die fehlende Gleichberechtigung äußert sich politisch, administrativ und vor allem, wenn es um die Arbeitsplätze geht“, sagt Erzbischof Vinko Kardinal Puljić aus Sarajewo. „Es stellt sich die ernste Frage nach der Zukunft der katholischen Kirche in Bosnien und Herzegowina.“ Umso wichtiger sei es, dass die Kirche „Normalität vorlebe“, so Puljić. „So wollen wir den Menschen Selbstbewusstsein und Hoffnung für die Zukunft vermitteln.“

Selbstbewusstsein und Hoffnung: Das verkörpert Schwester Marija, wenn sie durch die Gänge der Unfallchirurgie wuselt, hier einen Verband wechselt, dort eine Infusion anlegt. Und vor allem: Sich in der Hektik des Klinikbetriebs Zeit nimmt – nicht nur für die Kranken, sondern auch für die Angehörigen. Das Sozialsystem im noch jungen Staat Bosnien und Herzegowina steht auf tönernen Füßen, viele Menschen haben eine geringe Rente, viele keine Krankenversicherung. Da ist es gut, wenn es Ratgeber und Vermittler zwischen Ärzten und Patienten gibt. Menschen wie Schwester Marija. „Es reicht nicht, die medizinische Ausbildung abgeschlossen zu haben“, ist sie überzeugt, „man muss die Sorge für die Kranken als eine Berufung begreifen“. Mittlerweile ist sie Oberschwester im Klinikum – auch das ist keine Selbstverständlichkeit. Der staatlich verordnete Atheismus wirkt im öffentlichen Sektor noch nach. Ihr habe es jedoch noch nie Probleme gemacht, dass sie einem katholischen Orden angehört, sagt Schwester Marija. „Alle Kollegen behandeln mich sehr respektvoll.“

Daran kann kein Zweifel bestehen, wenn man die umtriebige Ordensfrau betrachtet. Aber sie schreibt die kleinen und großen Erfolge ihrer Arbeit nicht allein ihrer Kompetenz zu, erzählt Schwester Marija lächelnd: „Wenn ich zu einem Arzt gehe und ihn um etwas bitte, dann bete ich still: ,Denk an mich barmherzige Mutter Gottes, dass er gut aufgelegt ist und mir den Gefallen tut.ʼ“

Das Gebet, persönlich wie gemeinschaftlich, sei ihre Kraftquelle – und die Arbeit im Klostergarten: „Wenn die Blumen darin aufblühen, dann spüre ich keine Müdigkeit“, bekennt Schwester Marija. Ihre zwei Berufe – Ordensfrau und Krankenschwester – seien für sie die Erfüllung ihres Lebens, trotz aller Schwierigkeiten, in denen ihr Land und die Katholiken darin leben. Sie strahlt aus, was sie sagt: „Je mehr der Mensch sich anderen widmet, desto zufriedener und glücklicher ist er.“ Und auch darin ist sie wohl stärker als Tito.

Helfen Sie der Kirche in Bosnien und Herzegowina:

Um der Ordensgemeinschaft von Schwester Marija sowie der christlichen Minderheit in Bosnien und Herzegowina weiterhin helfen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden.

„In vielen Teilen des Landes sind die Katholiken vom völligen Verschwinden bedroht.“
Dies hielten die Bischofskonferenzen Österreichs sowie Bosniens und Herzegowinas bei einer gemeinsamen Tagung Anfang März in Sarajewo fest. Damit machten sie auf einen Umstand aufmerksam, der in der europäischen Öffentlichkeit wenig bekannt ist: Es wird davon ausgegangen, dass mittlerweile jährlich bis zu 10 000 Katholiken Bosnien und Herzegowina verlassen. Gründe sind neben der wirtschaftlichen Unsicherheit auch die religiöse Diskriminierung.
Kardinal Puljic mit Jugendlichen.
Eine Kirche und eine Moschee in unmittelbarer Nachbarschaft in Sarajewo.
Bei einer Wallfahrt in Sarajewo.
Jugendliche aus Sarajewo freuen sich auf ihr neues Jugendzentrum.

Christen und Muslime machen jeweils gut die Hälfte der Bevölkerung Bosniens und Herzegowinas aus. Die meisten Christen gehören den orthodoxen Kirchen an; rund 14 Prozent der Einwohner sind katholisch. In jüngster Zeit haben radikale islamische Strömungen im Land Zulauf – verstärkt durch Einflüsse aus dem Ausland.

Deshalb hält der Exodus der katholischen Christen, der mit dem Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 begonnen hat, weiter an. Damals lebten rund eine halbe Millionen Katholiken in Bosnien und Herzegowina – die meisten von ihnen Kroaten. Jeder zweite Katholik wurde vertrieben, berichtet das Erzbistum Vrhbosna.

Die Wunden des Krieges sind auch 23 Jahre nach dem Friedensvertrag von Dayton spürbar, sagt Erzbischof Vinko Kardinal Puljić. Er leitet seit 1990 das Erzbistum Vrhbosna mit Sitz in Sarajewo. Karla Sponar von KIRCHE IN NOT sprach mit ihm über die aktuelle Lage.

KARLA SPONAR: Wie ist die Situation der Katholiken in Bosnien und Herzegowina?

VINKO KARDINAL PULJIC: Die meisten Katholiken waren im Zuge des Krieges vertrieben worden. Ihre Häuser wurden vielfach geplündert und zerstört.

Nach dem Krieg erhielten die Vertriebenen weder politische noch finanzielle Unterstützung, die eine Rückkehr möglich gemacht hätte. Die diesbezüglichen Bestimmungen im Abkommen von Dayton wurden nicht umgesetzt. Besonders die Minderheit der katholischen Kroaten waren die Leidtragenden.

Diese Unsicherheit ist bis heute spürbar. Viele Menschen verlassen das Land. Sie machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Dazu tragen auch die negativen Botschaften in unseren Medien bei. Sie werden genutzt, um die Atmosphäre weiter zu verschlechtern.

Vinko Kardinal Puljic, Erzbischof von Vrhbosna/Bosnien und Herzegowina.
Franjo Komarica, Bischof von Banja Luka/Bosnien und Herzegowina.
Also eine bedrückende Situation …

Ja. Das schlimmste ist, dass es keine Gleichberechtigung für Katholiken gibt – vor allem dort, wo sie in der Minderheit sind. Diese fehlende Gleichberechtigung äußert sich politisch, administrativ und vor allem, wenn es um die Arbeitsplätze geht.

Es stellt sich die ernste Frage nach der Zukunft der katholischen Kirche in Bosnien und Herzegowina. Denn wenn die Kroaten nicht mehr da sind, wird es auch keine Katholiken mehr geben – denn die meisten Kroaten sind Katholiken. Auch deshalb ist es wichtig, endlich eine Gleichberechtigung zu schaffen.

Sehen Sie auch positive Signale?

Als katholische Kirche in Bosnien und Herzegowina versuchen wir Normalität zu leben. So wollen wir den Menschen Selbstbewusstsein und Hoffnung für die Zukunft vermitteln.

Das geschieht über die pastorale und karitative Arbeit sowie die Schulbildung. Wir müssen hier das „Salz der Erde“ sein – das heißt für die Hoffnung, für Menschenwürde und -rechte einstehen.

Worin sehen Sie den Beitrag der Christen in Bosnien und Herzegowina, um die Kriegsfolgen zu bewältigen?

Es geht darum, die Wunden dadurch zu heilen, dass man sich untereinander verzeiht und sich mit Freude der Liebe Gottes anvertraut. Ein wichtiger Stützpunkt sind die Sonntagsgottesdienste und die Wallfahrten, an denen sehr viele Gläubige teilnehmen.

Wir haben zum 100. Jubiläum der Marienerscheinungen in Fatima jede Pfarrei und unser gesamtes Erzbistum der Muttergottes geweiht. Es ist eine große Gnade, aus dem Glauben zu leben!

TV-Tipp: Katholiken in Bosnien und Herzegowina

Ein aktuelles zweiteiliges Fernsehinterview zum Thema „Der Heimat beraubt – Katholiken in Bosnien und Herzegowina“ mit dem Bischof von Banja Luka, Franjo Komarica, und dem Journalisten und Buchautor Winfried Gburek finden Sie in der Mediathek von KIRCHE IN NOT!

Helfen Sie in Bosnien und Herzegowina

KIRCHE IN NOT steht seit über zehn Jahren den Katholiken Bosniens und Herzegowinas bei.

Die Hilfe umfasst vor allem den Wiederaufbau kriegszerstörter Kirchen, Klöster, Priesterseminare und theologischer Fakultäten. Darüber hinaus unterstützt KIRCHE IN NOT auch die Anschaffung von Fahrzeugen für die Seelsorge, den Aufbau von Pastoralzentren und die Ausbildung von Priestern und Ordensleuten.

Um weiter helfen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden

Bereits seit 1999 besteht die römisch-katholische Pfarrei St. Pater Pio in Saporischschja, sie hatte bislang aber keine eigene Kirche.

Die heilige Messe wurde zunächst in den Privatwohnungen einiger Mitglieder der Pfarrei und schließlich, als die Missionssalesianer die Seelsorge übernahmen, in der Hauskapelle der Patres gefeiert.
Weihbischof Jan Sobilo bei der Feier eines Gottesdienstes in der Kapelle in Saporischschja.
Die Kapelle der Pfarrei St. Pater Pio in Saporischschja wurde zuvor als Bäckerei genutzt.
Die Kapelle der Pfarrei St. Pater Pio in Saporischschja.

Nun bestand das Problem aber darin, dass die Patres in einem normalen Wohnblock wohnen und somit die Messbesucher durch das Treppenhaus laufen mussten. Dies erregte natürlich Aufsehen und Misstrauen, und auf die Nachbarn machte es den Eindruck, als versammelte sich eine Sekte.

Zudem war die Kapelle schwer zu finden, da kein Hinweisschild angebracht werden konnte. Personen, die sich der Gemeinde neu anschließen wollten, wurde dadurch der Zugang erschwert.

Der Platz für die rund 60 regelmäßigen Messbesucher reichte nicht aus, und auch weitere pastorale Aktivitäten wie Kinder- und Erwachsenenkatechese, Treffen von Jugendgruppen und vieles andere, was zum Leben einer Pfarrei dazugehört, war nahezu unmöglich.

Kein Platz für pastorale Aktivitäten

Die Folge: Manche Pfarreimitglieder kamen im Laufe der Zeit nicht mehr, weil sie die Gegebenheiten nicht akzeptabel fanden. Doch dann ergab sich die Gelegenheit, in einem großen und recht zentral gelegenen Wohnviertel mit Wohnblöcken ein Gebäude zu erwerben, das in der Vergangenheit als Bäckerei diente, um es zu einer Kapelle umzubauen.

Der Vorteil bestand darin, dass es hier bereits Strom, Wasser und Kanalisation gab und lediglich einige Umbaumaßnahmen notwendig waren, um das Gebäude in ein Gotteshaus und Gemeindezentrum mit Wohnräumen für die Priester sowie Räumlichkeiten für die Katechese und verschiedenen Treffen umzuwandeln.

Grundlegende Arbeiten schon ausgeführt

Mit insgesamt 50.000 Euro haben unsere Wohltäter hier geholfen. Ein Großteil der Arbeiten konnte bereits durchgeführt werden. Auch wenn noch nicht alles fertiggestellt ist, kann sich die Gemeinde nun schon hier versammeln.

Pfarrer Jerzy Cyrul schreibt uns: „Im Namen der Pfarrei des heiligen Pater Pio möchte ich Ihnen von Herzen danken. Dank Ihrer Hilfe konnten die grundlegenden Arbeiten bereits ausgeführt werden. Ich versichere Ihnen, dass wir regelmäßig in den Anliegen aller unserer Wohltäter beten.“

Helfen Sie mit Ihrer Spende

Um vor allem verfolgten Christen weiterhin beistehen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden

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