Länderbericht Äthiopien

Eine äthiopische Schwester kümmert sich um einen Kranken.

Eine äthiopische Schwester kümmert sich um einen Kranken.

Einwohner: 75 Millionen

Fläche: 1 104 300 qkm

Religionen:
Christen: 57,7 Prozent (darunter 586 000 Katholiken)
Muslime: 30,4 Prozent
Animisten: 11,7 Prozent
Sonstige: 0,2 Prozent

In der Verfassung von 1995 ist mit Artikel 11 der säkulare Staat und mit Artikel 27 die Religionsfreiheit festgehalten.

Religiöse Vereinigungen müssen sich alle drei Jahre beim Justizministerium registrieren lassen, wobei eine Ausfertigung der Statuten und ein Lebenslauf des Führers der Organisation vorzulegen sind.

Private, von religiösen Gruppierungen betriebene Schulen sind zulässig, doch Religionsunterricht darf nicht während der regulären Unterrichtsstunden erteilt werden.

Im Vergleich zu den orthodoxen Christen waren bis vor wenigen Jahren Muslime eine Minderheit; heute liegen sie zahlenmäßig auf gleicher Höhe, und in manchen Gegenden stellen sie die klare Mehrheit, besonders im Osten und Südosten. In den letzten Jahren kommt es vermehrt zum Konflikt zwischen diesen beiden Gemeinschaften, und mehr noch zwischen den Muslimen und den Protestanten und
Pfingstlern (zwei rasch zunehmenden Gruppen); Zusammenstöße und gewalttätige Auseinandersetzungen nehmen zahlenmäßig und im Schweregrad zu und führen zu zahlreichen Todesfällen.

Angriffe auf orthodoxe Kirchen

So griffen beispielsweise am 15. Oktober 2006 Hunderte Muslime in Beshesha eine orthodoxe Kirche an, in der das Meskel-Fest (amharisch für Kreuzfest) gefeiert wurde. Die Angreifer steckten die Kirche in Brand und zwangen Hunderte anwesende Gläubige, ihrem Glauben abzuschwören und zum Islam überzutreten; die überwiegende Mehrzahl allerdings kehrte später zum Christentum zurück.

Bereits im September hatte es gewalttätige Zusammenstöße in der Stadt Dembi
gegeben, bei denen wenigstens vier Muslime und sechs Christen ums Leben gekommen waren; zahlreiche Häuser beider Seiten sowie vier Kirchen brannten komplett ab, und über zweitausend Menschen ergriffen die Flucht. Ein Amateurvideo zeigt diese Vorgänge und auch die mit Macheten getöteten Opfer.

Im Februar 2007 verurteilte der Oberste Gerichtshof in Jimma die sechs Menschen, die sich dieser Attacke schuldig gemacht hatten, zum Tode und einhundert weitere Menschen zu Strafen zwischen einem Jahr und lebenslanger Haft.

In Begi und in Gidami in der Region Oromiya war es im Oktober 2006 zu schweren Zusammenstößen zwischen Muslimen und Protestanten gekommen, wobei neun Menschen ums Leben kamen und über hundert verletzt wurden; 21 Kirchen, eine Moschee und Dutzende Wohnhäuser brannten ab, und über 400 Menschen flohen aus der Region.

“Blutvergießen ist Resultat einer Hasskampagne”

Im Oktober 2006 gab die Synode der äthiopischen orthodoxen Kirche bekannt: “Das Blutvergießen und die Zerstörung der Gotteshäuser sind das Resultat einer Hasskampagne, die seit September von einigen wenigen Menschen betrieben wird.” Die Verlautbarung fährt fort: “Die Heilige Synode appelliert an die Regierung, diesen zerstörerischen und illegalen Machenschaften, die nur Hass und Gewalt zwischen Muslimen und Christen schüren, rasch ein Ende zu setzen” (Nachrichtenagentur Reuters).

Seit Ende 2006 hat der Staat die Polizeipräsenz in den stärker gefährdeten Gebieten verstärkt; örtliche Beamte, denen vorgeworfen wurde, nichts unternommen zu haben, um die Zusammenstöße zu verhindern oder ihnen ein Ende zu bereiten, wurden versetzt. Das Ergebnis ist ein Nachlassen der Gewalt. In anderen Gegenden – besonders jenen, wo die Muslime nicht die Mehrheit stellen – gibt es weniger oder gar keine Gewalt.

Unterdessen verpflichteten sich im Dezember 2006 die höchsten nationalen orthodoxen, islamischen, protestantischen und katholischen Instanzen, gemeinsam auf Frieden und Aussöhnung hinzuarbeiten. Dennoch bleibt das Verhältnis ziemlich gespannt. In den ersten Monaten des Jahres 2007 klagte Erzbischof Abba Athanasium, die Lautsprecher in den Moscheen verkündeten unablässig: “Allahs Soldaten sind mutig” und riefen die Muslime zum Handeln auf.

Es kommt außerdem zu Konflikten und Zusammenstößen zwischen den Sufis, die die Mehrheit der Muslime stellen, und den Anhängern des Wahhabismus / Salafismus. Viele orthodoxe Gemeinden beklagen, dass Christen anderer Konfessionen ihre Feiertage und Gebräuche nicht respektieren.

Katholische Schulen und Universitäten

Am 27. Januar 2007 wurde in Addis Abeba im Beisein von Präsident Girma Woldegiorghis, mehreren Ministern und des Bürgermeisters der Grundstein für die zukünftige Katholische Universität von Äthiopien gelegt. Eine Mitteilung des äthiopischen Katholischen Sekretariats wertete die Übereinkunft zwischen der Kirche und der Regierung zur Gründung dieser Universität als “Anerkennung des bedeutenden Beitrags der Kirche zum Bildungssystem des Landes seitens der Regierung. Die vielen hundert katholischen Schulen im ganzen Land sind eine wertvolle Ressource für die Kirche und für das Land selbst. Die neue Universität wird sich auf dieses Netzwerk aus katholischen Schulen gründen.”

Auf einen bestimmten Glauben gegründete politische Parteien sind im Land verboten; es gilt als Straftat, über die Medien interreligiöse Konflikte anzuzetteln. Der Staat stellt religiösen Gruppierungen kostenlos Land aus öffentlichem Besitz zur Verfügung, um darauf Schulen, Kirchen und Krankenhäuser zu bauen und Friedhöfe anzulegen; jedoch muss zunächst die Genehmigung der örtlichen Behörden eingeholt werden, und der Staat kann diese Einrichtungen jederzeit schließen. Diesbezüglich gibt es zahlreiche Beschwerden.

Die Protestanten sagen, bei der Verteilung von Land für Kirchen und Friedhöfe würden sie diskriminiert, denn in Addis Abeba seien zwischen September 2003 und Juli 2005 mindestens zwanzig orthodoxe Kirchen errichtet worden, während für andere Gruppen keine einzige gebaut worden sei. Die Muslime protestieren, in den Städten Axum und Lalibela verweigere ihnen die Regierung seit Jahren Land für eine Moschee. Im Jahr 2006 kam es in Addis Abeba zu Zusammenstößen zwischen Muslimen und der Polizei, die eine ohne Genehmigung erbaute Moschee abreißen sollte. Um den Konflikt zu lösen, übertrug die Stadtverwaltung dem örtlichen Islamrat ein anderes Grundstück für eine neue Moschee.

Christen

Es ist nicht möglich, an dieser Stelle sämtliche Gewaltakte aufzulisten; stellvertretend sollen einige der gravierenderen Fälle stehen.

Am 20. Januar 2006 verwandelte sich in Addis Abeba eine Prozession zu Ehren des orthodoxen Tikmark-Festes (amharisch für Tauffest) in eine Protestveranstaltung gegen die Regierung. Die Polizei eröffnete das Feuer auf die Prozession, an der Zehntausende beteiligt waren; mindestens zwei Menschen kamen ums Leben, 36 weitere wurden überwiegend durch Schüsse verletzt, darunter 22 Zivilisten. 42 Menschen wurden verhaftet.

Am 24. Mai 2006 fand in Ost-Jijiga, einem an Somalia angrenzenden Gebiet mit islamischer Mehrheit, ein Stunden andauernder Protestmarsch von über hundert muslimischen Studenten gegen die Christen statt; sie riefen „Allah ist groß” und bewarfen die Häuser der Christen und Passanten mit Steinen. Die italienische Zeitung Il Giornale berichtete dazu, der Protest sei angeblich durch einen christlichen Restaurantbesitzer ausgelöst worden, der Seiten aus dem Koran verwendet hätte, um Essen darin einzuwickeln und seine Hände abzuwischen.

Aufflammende Feindseligkeit

Ebenfalls in Jijiga gab es mehrere Verletzte, als Unbekannte am 15. April 2006 eine Handgranate auf Anhänger der Emanuel United Church of Ethiopia warfen. Am 5. Januar 2007 wurde in der überwiegend muslimischen Stadt Kofele ein Protestant, Ajja Delge, von Unbekannten getötet.

Am 26. März 2007 wurde im Süden des Landes ein weiterer Protestant, Teddese Tefeara Akuko, von Wahhabiten zu Tode geprügelt, weil er in den Straßen von Jimma das Evangelium verkündet hatte. Eine wütende Menge zerrte ihn in eine Moschee und verprügelte ihn “auf brutale Weise”. Quellen der Nachrichtenagentur ICN sprachen von einer “Warnung an die Christen in dieser Region”, die sehr aktiv missionieren.

Experten zufolge hing diese aufflammende Feindseligkeit unter anderem mit dem Einmarsch der äthiopischen Armee in Somalia zur Unterstützung der international anerkannten somalischen Regierung zusammen, woraufhin die dortigen islamischen Milizen die Muslime in aller Welt zum Heiligen Krieg gegen Äthiopien aufgerufen hatten.

Am 2. März 2008 drangen acht mit Messern und Macheten bewaffnete Muslime in die Baptistenkirchen Kale Hiwot und Birmane Wongel in dem Dorf Nensebo Chebi ein und begannen, die Kirchgänger anzugreifen. Dreiundzwanzig Personen wurden verwundet; ein Mann, Tulu Mosisa von der Kale-Hiwot-Kirche, starb nach einem Machetenschlag, der ihm nahezu den Kopf abtrennte (Quelle: Compass Direct).

Häuser von Christen in Brand gesteckt

Die Website persecution.net berichtet von systematischen Angriffen der islamische Mehrheit auf Christen in der Region um JimmaJijiga; sie wertet dies als mögliche Reaktion auf die erfolgreiche Evangelisierung, in deren Verlauf bereits Hunderte Muslime zum Christentum übertraten. In Buko unweit der Stadt Jimma steckten am Abend des 14. Oktober 2007 Muslime das Haus eines Christen in Brand und in den folgenden Nächten weitere Häuser; am Ende hatten dreizehn Familien ihre Bleibe verloren.

Tagelang gab es Drohungen und Gewalt, bis 25 Christen aus der Stadt flohen. Anfangs schritten die Behörden nicht ein. Auf Druck ihrer Vorgesetzten sperrten sie schließlich die dreizehn dafür verantwortlichen Leute eine einzige Nacht lang ins Gefängnis und entließen sie dann, ohne gegen sie Anklage zu erheben. So begannen die Extremisten bald wieder, die Christen zu bedrohen und ihre Häuser und Ernten in Brand zu stecken.

Aus den mehrheitlich islamischen Regionen Bambesi und Tongo unweit der Grenze zum Sudan wird von systematischer Gewalt und Amtsmissbrauch berichtet. Am 28. Juni 2007 wurden die evangelische Kirche des Dorfes Begge niedergebrannt und das Haus eines Christen namens Tareku zerstört.

Am 5. Juli 2006 wurde der Christ Shek Hamed Adem, ein konvertierter Muslim, von Unbekannten verprügelt und an ein Kreuz gehängt und die Ernte von Dutzenden Christen zerstört. Häufig werden konvertierte Muslime von der eigenen Verwandtschaft verstoßen; sie schlafen, wo sie einen Platz finden, sogar in Kirchen (Quelle: persecution.net).

In Begge brannten am 8. Januar 20087 Muslime die Häuser von drei Christen nieder - Tareku Meres, Jemal Tasesa und Tamene Gemechu. Die Christen beklagen sich, dass die Polizei häufig nicht einschreitet und auch keine ernsthaften Ermittlungen betreibt, um die Schuldigen zu identifizieren und zu bestrafen.

Bomben vor christlichen Einrichtungen

Am 2. April 2007 überfielen und plünderten islamische Extremisten in Bambasse das Haus des evangelischen Christen Tolosa Megera; sie töteten außerdem sechs Stück Vieh. Am 7. April 2007 zerstörten sie das Haus und die Ernte des Führers der Full Gospel Church, Lemmu Abdissa. In Jijiga, einem Ort mit mehr als 90 Prozent muslimischer Bevölkerung, explodierte Ende April 2007 eine Bombe neben einem Zelt, in dem Christen versammelt waren. Zwei Menschen kamen ums Leben, und zahllose weitere wurden verletzt.

Am 5. August explodierte neben der Full-Gospel-Kirche von Jijiga während eines Gottesdienstes mit Hunderten Besuchern eine Bombe. Glücklicherweise wurde niemand ernsthaft verletzt. Im Bezirk Yayu zerstörte einige Tage später, am 15. August, eine Explosion die Mserete-Keristos-Kirche sowie drei benachbarte Häuser von Christen. In Seka Yoyo attackierte am 16. Oktober 2007 eine Gruppe von Muslimen Dutzende Häuser von Christen und zerstörte wenigstens zehn davon.

(Quelle: Religionsfreiheit weltweit - Bericht 2008. Stand: 2008)

15.Jul.2009 12:31 Uhr · aktualisiert: 9.Feb.2010 11:32 UhrKIN / S. Stein

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