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Christenverfolgung

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„Lange dämmerte das Thema Christenverfolgung unter der Decke des Verschweigens dahin. Endlich ist es gelungen, das Thema wieder ,aufzuwecken‛. Dafür danke ich KIRCHE IN NOT.“ Dieses Resümee zog Diözesanadministrator Prälat Dr. Bertram Meier anlässlich des Solidaritätstags für verfolgte Christen am 15. September in Augsburg.

 

Zur Veranstaltung im Haus St. Ulrich war der eritreische Priester Mussie Zerai angereist. Er informierte über die Lage in seinem Heimatland. Es sei kein Zufall, dass immer mehr Flüchtlinge aus Eritrea Zuflucht in Europa suchen.

Von links: Diözesanadministrator Prälat Dr. Bertram Meier, der eritreisch-katholische Priester Mussie Zerai und KIRCHE-IN-NOT-Deutschland-Geschäftsführer Florian Ripka beim Solidaritätstag.
Das Land ist seit über 20 Jahren eine kommunistische Diktatur. Vor allem der Wehrdienst, der für Männer und Frauen gleichermaßen gilt, ist eine Form organisierter Sklaverei“, erklärte Zerai.

 

„Wehrdienst in Eritrea ist Form moderner Sklaverei”

Der Sold betrage umgerechnet nur etwa 15 Euro pro Monat, die Bedingungen seien miserabel. Auch sei nicht absehbar, wie lange der Wehrdienst dauert. „Den jungen Leuten werden so ihre besten Jahre genommen“, beklagte Zerai.

Auch die Versuche der Kirche, den Menschen beizustehen und ihre Situation zu lindern, würden vom Regime systematisch blockiert. „Besonders die katholische Kirche steht im Visier, weil sie sich am meisten sozial engagiert“, sagte Mussie.

Podiumsgespräch mit dem Priester Mussie Zerai (Mitte) über die Situation der Christen in Eritrea.
In Eritrea sind die katholischen Christen eine kleine Minderheit von höchstens 170 000 Gläubigen bei rund sechs Millionen Einwohnern. In jüngster Zeit gehe die Regierung verstärkt gegen katholische Einrichtungen vor, erzählte Zerai: „Im Juni und Juli dieses Jahres wurden 29 kirchliche Krankenhäuser vom Militär gewaltsam geschlossen. Jetzt sind die katholischen Schulen dran: Acht von ihnen sind bereits geschlossen.“

 

Eritreische Regierung geht gegen katholische Einrichtungen vor

Basis für dieses rigide Vorgehen sei ein Gesetz aus dem Jahr 1995, mit dem sich der Staat als einziger Träger im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen definiert. Wegen des Krieges mit Äthiopien und der nachfolgenden politischen Unsicherheit sei dieses Gesetz bislang selten angewandt worden.

Dass es jetzt so rabiat umgesetzt werde, hängt laut Zerai auch mit dem Engagement der katholischen Kirche im Demokratisierungs- und Versöhnungsprozess zusammen. „Die Bischöfe haben sich in einem Hirtenbrief klar dazu geäußert – dann begannen die Übergriffe“, erklärte der Priester.

Blick in den gut gefüllten Saal im Haus St. Ulrich in Augsburg.
Die Schließung der Schulen und Krankenhäuser sei ein großer Schaden für die Ordensgemeinschaften, die diese Einrichtungen mehrheitlich betrieben und nun vor dem Ruin stünden.

 

Der Schaden für die Religionsfreiheit sei aber noch größer: „Die Regierung betont, es herrsche Religionsfreiheit. Aber sobald die Kirche die Sakristei verlässt, geht die Regierung gegen sie vor.“ Doch auch was die Feier der Gottesdienste angeht, habe es schon Repressalien gegeben: So habe das Regime der katholischen Kirche verboten, Gedenkmessen für ertrunkene Flüchtlinge zu feiern.

- Mussie Zerai, Priester der eritreisch-katholischen Kirche
Doch nicht nur die katholische Kirche sei betroffen, erklärte Zerai. Auch die orthodoxe Kirche und die Muslime würden immer wieder in ihrer Tätigkeit eingeschränkt. Noch schlimmer treffe es die Angehörigen der staatlich nicht anerkannten Freikirchen.

 

„Schon wenn sich zwei oder drei Menschen versammeln, gelten sie als verdächtig.“ Nicht selten komme es vor, dass in Eritrea Menschen ohne Anklage verschwinden, so Zerai. Es gäbe eine Reihe von Straflagern, über die kaum etwas nach außen dringe.

Mütter mit Kindern aus Eritrea.
Die UN-Menschenrechtskommission habe der eritreischen Regierung „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ attestiert. Zerai appellierte an die internationale Staatengemeinschaft, den Druck auf sein Heimatland zu erhöhen. Er selbst kann seit 2003 nicht mehr nach Eritrea – die Einreise ist ihm verweigert, denn sein eritreischer Pass wurde eingezogen.

 

Mussie Zerai darf nicht in sein Heimatland einreisen

Zerai betreut darum die Arbeit der eritreischen Gemeinden in Europa. „Mir fehlt die Heimat. Aber dort wie im Ausland versuchen wir die Eritreer im Glauben zu stärken. KIRCHE IN NOT war in den entscheidenden Momenten bei uns“, erklärte Zerai.

Vortrag von Florian Ripka, Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland.
Im zweiten Teil der Veranstaltung informierte Florian Ripka, Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland, über aktuelle Brennpunkte der Christenverfolgung. 2019 sei eines der blutigsten Jahre für Christen weltweit.

 

2019 – blutiges Jahr für Christen

Diese habe sich durch die Bombenanschläge auf christliche Gottesdienst in Sri Lanka am Ostersonntag, die weiter zunehmende Gewalt auf Minderheiten in Nigeria, Attacken im Süden der Philippinen und weitere Anschläge auf Christen und andere religiöse Minderheiten gezeigt.

„KIRCHE IN NOT versucht seit über 70 Jahren, den leidenden Christen zur Seite zu stehen und Trost zu spenden. Das ist eine wichtige Aufgabe der Kirche“, erklärte Ripka. Dieser Beistand umfasse nicht nur finanzielle, sondern auch geistliche Hilfe.

Den Abschluss des Solidaritätstages bildete eine Kreuzwegandacht im Augsburger Dom. Von links: Georgios Vlantis, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Bayern, Äbtissin Gertrud Pesch, Abtei Oberschönfeld, Diözesanadministrator Prälat Dr. Bertram Meier, Mussie Zerai, Priester der eritreisch-katholischen Kirche, Florian Ripka, Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland.
Als aktuelles Beispiel führte Ripka ein Projekt von KIRCHE IN NOT gemeinsam mit katholischen und orthodoxen Kirchen in Syrien an. Dort werden Gottesdienste für Hinterbliebene von Kriegsopfern abgehalten. Als Zeichen der besonderen Nähe erhalten die Angehörigen einen von Papst Franziskus gesegneten Rosenkranz.

 

Großzügige Hilfe von KIRCHE IN NOT in Syrien

In den kommenden Wochen wird auch eine vom Pontifex gesegnete Ikone auf Rundreise durch alle christlichen Kirchen Syriens gehen. Weiter gingen auch die materiellen, pastoralen und psychologischen Hilfen, erklärte Ripka. „Dank der Großherzigkeit unserer Wohltäter konnten wir allein in Syrien seit 2001 über 36 Millionen Euro einsetzen und 850 Projekte fördern.“

Seinen Abschluss fand der Gebetstag mit dem traditionellen Kreuzweg für die verfolgte Kirche im Augsburger Dom.

Immer mehr Menschen in Afrika müssen ihre Heimat verlassen, da in zahlreichen Ländern des Kontinents blutige Konflikte und Terror zunehmen.

 

Besonders die Christen litten unter dem Konflikt mit den Fulani-Stämmen in den westafrikanischen Staaten Nigeria und Burkina Faso, zumal auch die Terrormiliz „Boko Haram“ in beiden Ländern noch nicht unter Kontrolle sei. Darauf weist die Leiterin der Projektabteilung von KIRCHE IN NOT, Regina Lynch, hin.

Die Anwältin und Autorin Ewelina Ochab ergriff im September 2017 nach einer von KIRCHE IN NOT veranstalteten internationalen Konferenz in Rom die Initiative, um die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf Verletzungen der Religionsfreiheit zu lenken.

August 2014: Tausende geflüchtete Menschen kampieren unter freiem Himmel in Erbil (Foto: ankawa.com).
„Vor allem im Norden und Osten Burkina Fasos kommen Terroristen in Dörfer und zwingen Christen zur Flucht. Das verbreitet immer mehr Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung“, berichtet sie. Das sei insofern bedauerlich, da Burkina Faso in der Vergangenheit für das gute Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen bekannt gewesen sei. „Dieses Verhältnis sei nun vergiftet“, sagt Lynch.

 

Jeden Tag kommen 37 000 Flüchtlinge weltweit hinzu

Auch in anderen Regionen seien Christen immer wieder Bedrohungen durch Dschihadisten ausgesetzt, wie zum Beispiel im Niger oder in Kamerun. „Aber wir müssen den Menschen immer wieder vor Augen halten, dass nicht alle Muslime Extremisten sind“, so die Vertreterin von KIRCHE IN NOT.

Laut dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) müssen pro Tag im Schnitt 37 000 Menschen weltweit ihre Habseligkeiten zusammenpacken und ihre Heimat verlassen. Nicht alle Flüchtlingsdramen sind in den Medien hierzulande präsent.

Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des Priesterseminars des Bistums Bangassou/Zentralafrikanische Republik (Foto: Fundación Bangassou).
„Im Nordwesten Ugandas leben über 1,2 Millionen Flüchtlinge aus dem Südsudan. Hinzu kommen Geflüchtete, die in der Hauptstadtregion um Kampala leben. Vor allem viele junge Menschen sind traumatisiert, weil sie eigene Verletzungen erlitten haben oder die Ermordung ihrer Eltern mit ansehen mussten“, berichtet Lynch.

 

Kirche als erste Anlaufstelle für Hilfsangebote

Weitere Beispiele sind Tansania, wo riesige Flüchtlingslager mit bis zu 150 000 Menschen entstanden sind, oder Äthiopien, wo immer mehr Menschen aus Eritrea Zuflucht suchen.

Von staatlicher Seite kommt in den genannten Ländern meist keine Hilfe, Versorgungsstrukturen müssen oft erst mühsam aufgebaut werden. Doch die Kirche ist immer schon vor Ort. „In vielen Ländern bietet die Kirche Erstanlaufstellen und Camps für Flüchtlinge, die von KIRCHE IN NOT unterstützt werden“, erklärt Lynch.

Verteilung von Lebensmitteln an Mütter mit Kindern.
Durch den Kontakt zu den Projektpartnern vor Ort habe man einen guten Überblick über die Lage und könne dort helfen, wo es notwendig ist.

 

Materielle, psychologische und pastorale Hilfe

„Dabei geht es um grundlegende Dinge zum Leben, wie zum Beispiel Lebensmittel, Kleidung oder Hygienebedarf), psychologische Hilfe, aber auch das Angebot pastoraler Hilfe wie Unterstützung beim Bau von Kirchen und Gebetsräumen in zerstörten Dörfern oder den Kontakt zu einem Priester.“

Neben der praktischen Hilfe durch Spenden sei aber auch das Gebet für die Christen in Not wichtig, um sich mit ihnen zu verbinden und auf diese Weise Solidarität auszudrücken, so Lynch.

Unser Hilfswerk unterstützt die katholische Kirche auf Sri Lanka, um den Opfern der Terroranschläge vom Ostersonntag beizustehen. Islamistische Selbstmordattentäter hatten im April dieses Jahres in drei christlichen Kirchen und drei Hotels fast 300 Menschen in den Tod gerissen und mehr als 500 Personen verwundet. Allein in der Kirche von Negombo kamen über 150 Menschen ums Leben.

 

Die Anwältin und Autorin Ewelina Ochab ergriff im September 2017 nach einer von KIRCHE IN NOT veranstalteten internationalen Konferenz in Rom die Initiative, um die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf Verletzungen der Religionsfreiheit zu lenken.

Gedenkstätte für die Anschlagsopfer in Negombo.
Eine große Welle der Solidarität im Land und der sri-lankischen Diaspora im Ausland sowie Soforthilfen von Teilen der Regierung haben es ermöglicht, die beiden durch den Anschlag zerstörten katholischen Kirchen im Erzbistum Colombo rasch wiederherzustellen.

 

Viele Familien stehen vor dem Nichts

Den betroffenen Familien wurde sofort mit medizinischer und materieller Unterstützung geholfen. Viele haben nicht nur einen Angehörigen verloren, sondern auch den Alleinverdiener der Familie. So stehen sie materiell vor dem Nichts.

Nun macht sich die katholische Kirche Sri Lankas daran, langfristige Hilfen für den Heilungsprozess und die psychosoziale Betreuung der Überlebenden und ihrer Familien nach dem Trauma bereitzustellen. KIRCHE IN NOT finanziert dieses Projekt.

Plakate vor der Kirche St. Sebastian in Negombo erinnern an die Opfer der Bombenanschläge.
Viele Menschen haben die Anschläge unmittelbar erlebt und sind schwer traumatisiert. Einige haben alle Familienmitglieder verloren, andere kümmern sich noch um zum Teil schwer verletzte Verwandte.

 

Besondere Therapie-Programme für Kinder

Für ihre Betreuung hat das Erzbistum Colombo ein Team aus 40 zertifizierten Trauma-Therapeuten aufgestellt. Sie betreuen trauernde, verwundete und andere schwer traumatisierte Menschen psychologisch. Geplant sind darüber hinaus spezielle Therapieprogramme für Kinder, Familien und alleinstehende Menschen. Mehr als 2000 Menschen sollen davon profitieren.

Ein großer Teil der von KIRCHE IN NOT bereitgestellten Förderung geht in die Ausbildung von 300 Beratern und Sozialhelfern – auch in der Jugendarbeit –, damit sie traumatisierte Menschen erkennen und ihnen zielgerichtet beistehen können.

„Der neue Gedenktag für die Opfer religiöser Verfolgung ist ein wichtiger Schritt, um verfolgten Christen künftig mehr Gehör zu verschaffen“, resümiert Dr. Thomas Heine-Geldern.

 

Der Geschäftsführende Präsident von KIRCHE IN NOT zeigt sich zufrieden, dass 2019 der 22. August erstmals als „Internationaler Tag zum Gedenken an die Opfer von Gewalt aufgrund von Religion oder Glauben“ begangen werden kann. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte im Mai eine entsprechende Resolution verabschiedet.

Die Anwältin und Autorin Ewelina Ochab ergriff im September 2017 nach einer von KIRCHE IN NOT veranstalteten internationalen Konferenz in Rom die Initiative, um die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf Verletzungen der Religionsfreiheit zu lenken.

Trauer und Entsetzen bei der Beisetzung der Opfer eines Anschlags auf eine Kirche am 12. Mai in Burkina Faso.
Albert Malcolm Kardinal Ranjith, Erzbischof von Colombo, tröstet einen Mann, der einen Angehörigen bei den Anschlägen an Ostern 2019 in Sri Lanka verloren hat (Foto: Roshan Pradeep & T Sunil).
Seitdem sprach sie auf vielen Konferenzen, um ein Netzwerk aus Unterstützern zu bilden. Der Resolutionsvorschlag wurde schließlich von Polen in die UN-Vollversammlung eingebracht. Die USA, Kanada, Brasilien, Ägypten, Irak, Jordanien, Nigeria und Pakistan hatten den Vorschlag unterstützt. „Es war ein langer Prozess mit vielen Beteiligten, aber KIRCHE IN NOT war die Inspiration dafür“, sagte Ochab.

 

„Christen am stärksten verfolgt”

„Als Organisation, die sich seit über 70 Jahren für notleidende Christen einsetzt, freuen wir uns von KIRCHE IN NOT sehr, dass die Vereinten Nationen diesen Tag anerkannt haben. Das war ein überfälliger Schritt“, sagte Heine-Geldern. „Allen Glaubensgemeinschaften widerfährt regelmäßig Gewalt. Doch internationale Berichte zur Religionsfreiheit bestätigen leider immer wieder, dass Christen am stärksten verfolgt werden.“

Dr. Thomas Heine-Geldern, Geschäftsführender Präsident von KIRCHE IN NOT.(Foto: Wlodzimierz Redzioch).
Allein in den letzten fünf Jahren habe es zwei Fälle von Völkermord an religiösen Minderheiten gegeben: im Irak und in Syrien durch die Truppen des sogenannten „Islamischen Staates“ an Christen, Jesiden und anderen religiösen Gruppen sowie an der muslimischen Minderheit der Rohingya in Myanmar. Hinzu kämen die systematisch organisierten Gräueltaten, denen zunehmend insbesondere Christen in Afrika zum Opfer fallen, so Heine-Geldern.

 

Völkermord an religiösen Minderheiten

Der Präsident von KIRCHE IN NOT sieht den neuen Gedenktag als wichtigen Meilenstein, der aber nur ein erster Schritt sein dürfe: „Der 22. August darf nicht Selbstzweck sein, sondern muss einen Prozess anstoßen, der die internationale Gemeinschaft zu einem koordinierten Aktionsplan bewegt, um religiöse Verfolgung zu beenden und künftig zu verhindern.

- Dr. Thomas Heine-Geldern, Geschäftsführender Präsident von KIRCHE IN NOT.
Es ist eigentlich die Pflicht der Vereinten Nationen, der Regierungen und politischen Akteure dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit Geltung zu verschaffen. Dem symbolischen Tag müssen jetzt Taten folgen.“
Eine von Boko Haram zerstörte Kirche in Nigeria.
Ein notwendiges Instrument sei unter anderem die Einrichtung einer UN-Plattform, um den Austausch mit Vertretern der verfolgten religiösen Gruppen zu fördern, erklärte Heine-Geldern. Zudem müssten die Vereinten Nationen auf die Einrichtung eines internationalen Tribunals für Gewaltakte hinarbeiten, die sich gegen Gläubige richten.
Auch 2019 fördert KIRCHE IN NOT mehr als vierzig christliche Ferieninitiativen – besonders in Weltregionen, in denen Christen unter Diskriminierung, Verfolgung oder Krieg leiden. Beispiele sind Ägypten, der Libanon, die Krim, die Republik Kongo oder die palästinensischen Gebiete.

 

Ein Schwerpunkt ist Syrien, wo unser Hilfswerk insgesamt 28 Sommerkurse für junge Menschen und Familien fördert. Von Juni bis September treffen sich Christen verschiedener Konfessionen aus den Diözesen Homs, Aleppo, Latakia und Damaskus, um Kraft zu tanken und Gemeinschaft zu erfahren. Die Sommerkurse haben auch eine wichtige seelsorgerische Funktion, denn viele Menschen sind durch Kriegserlebnisse traumatisiert.

Pfadfinderlager in Syrien,
Der griechisch-orthodoxe Priester Antoine Mukhallala ist gerade von einem Sommerkurs für Jugendliche mit Behinderung und ihre Familien zurückgekehrt.

 

Während des Dauerfeuers auf syrische Städte konnten diese Menschen nur noch unzureichend betreut werden, das Haus haben manche jahrelang nicht verlassen. Die Angehörigen mussten alles allein schultern. Die Sommerkurse sind für viele Familien ein Lichtstrahl für die Seele.

Lichtstrahl für die Seele

Besonders bewegt hat Mukhallala die Geschichte einer Witwe mit ihren beiden Töchtern, von denen eine, Jenny, Autistin ist.  „Die Mutter hat sehr gelitten. Ihr Mann wurde auf der Flucht getötet. Man brachte ihr seine Leiche mit aufgeschlitztem Hals,“, berichtet der Priester.

Antoine Mukhallala, griechisch-orthodoxer Priester aus Syrien.
In der folgenden Zeit habe sich die Frau komplett in ihre Trauer vergraben. Auch bei Treffen in der Kirchengemeinde habe sie nie über ihren Mann oder die autistische Tochter gesprochen.

 

„Das hat sich im Laufe des Sommercamps komplett geändert – vor allem, als sie erlebte, wie sich das Verhalten ihrer Tochter durch die aufmerksame Förderung änderte“, erzählt der Priester. „Sie blühte richtig auf, und am Ende des Feriencamps lud mich das Mädchen sogar ein, mit ihr zu tanzen.“

Teilnehmer des Sommercamps für Jugendliche mit Behinderung. In der Mitte Jenny und ihre Mutter.
Das habe die Mutter sehr bewegt: „Die Dunkelheit ihrer Seele verschwand. Man kann sagen, ihr Herz begann wieder zu schlagen.“ Am Ende des Ferienkurses habe ihm die Mutter gesagt: „Wäre es noch eine Woche länger gegangen, bin ich sicher: Dann hätte meine Jenny wieder angefangen zu sprechen.“

 

In seinen sieben Jahren als Priester habe Antoine Mukhallala bereits mehrere Sommercamps betreut, aber keines habe ihn so berührt wie dieses. „Ich danke Gott für die Verwandlung, die mit dieser Frau geschehen ist. Das wäre ohne die Wohltäter von KIRCHE IN  NOT nicht möglich gewesen.“

Christen im Irak haben sich gegenüber KIRCHE IN NOT sehr besorgt gezeigt angesichts der Pläne des irakischen Parlaments zu einer Justizreform. Demnach würden den 13 stimmberechtigten Mitgliedern des Bundesgerichtshofs künftig auch vier islamische Rechtsgelehrte angehören.

 

Alle Entscheidungen des höchsten irakischen Gerichts würden dann die Zustimmung von mindestens drei der islamischen Gelehrten erfordern.

Weihnachtsgottesdienst in einer Kirche in Karakosch im Norden Iraks.
„Das bedeutet voraussichtlich, dass das islamische Recht, die Scharia, immer Vorrang hat“, erklärte Professorin Muna Yako, christliche Aktivistin und Verfassungsexpertin, gegenüber KIRCHE IN NOT. Der Bundesgerichtshof ist mit dem deutschen Bundesverfassungsgericht vergleichbar: Er legt die Verfassung aus und befindet darüber, ob strittige Gesetze und Vorschriften verfassungsgemäß sind.

 

„Aktuell hoffe ich immer, dass bei einem verhandelten Fall am Bundesgerichtshof den Menschenrechten und der Demokratie Vorrang eingeräumt werden“, sagte Yako. „Wenn jedoch islamische Rechtsgelehrte im Gerichtshof Sitz und Stimme erhalten, haben wir keine Chance, dass diese Werte jemals wieder Priorität bekommen.“

Professorin Muna Yako, christliche Aktivistin und Rechtsexpertin aus dem Irak.
Es sei zu befürchten, dass sich der Irak in eine islamische Theokratie verwandle, in dem die Scharia über den staatlichen Gesetzen stehe, so Yako: „Alle Gesetze werden dann auf der Religion basieren – zum Beispiel bezüglich Kleidung und Alkohol.“

 

Religiöse Minderheiten als Bürger zweiter Klasse

Schon jetzt würden religiöse Minderheiten als Bürger zweiter Klasse behandelt, obwohl sie seit Jahrhunderten zur irakischen Gesellschaft gehören. So verbieten die aktuellen Gesetze, dass Muslime zum Christentum konvertieren – umgekehrt sei dies jedoch erlaubt. Ebenso dürfen christliche Männer keine muslimische Frau heiraten, ohne zum Islam zu konvertieren.

Louis Raphael Kardinal Sako (Zweiter von links), Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche, zusammen mit Geistlichen und jungen Christen in Mossul (Foto: Mr. Fadi).
„Das ist eine verfassungswidrige Diskriminierung“, stellte Yako fest. Alle Versuche, daran etwas zu ändern, würden durch den Einfluss islamischer Richter am Bundesgerichtshof zunichtegemacht.

 

„Eine verfassungswidrige Diskriminierung“

So sieht dies offenbar auch der ranghöchste irakische Geistliche, Louis Raphael Kardinal Sako, Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche. In einem Brief an den Parlamentspräsidenten zeigte er sich verwundert darüber, dass die Gesetzesänderung ausgerechnet „nach all dem Leid, das wir Christen durch Terror, Vertreibung, Plünderung, Mord und Raub unseres Eigentums erlitten haben“, vorgeschlagen werde.

Übersicht über zerstörte, beschädigte und abgebrannte Wohngebäude in der Ninive-Ebene.
Die Justizreform gefährde die Zukunft der Christen im Irak, indem das islamische Recht auch auf sie angewendet würde, zum Beispiel in Erbschaftsangelegenheiten.

 

Sollten Parlament und Regierung das neue Justizgesetz annehmen, erklärte Rechtsexpertin Muna Yako gegenüber KIRCHE IN NOT, habe sie „keine Hoffnung mehr“ für Christen, Jesiden und andere religiöse Minderheiten im Irak: „Ich befürchte, dass dann noch mehr Christen den Irak verlassen. Wir werden dann nur noch Geschichte sein.“

Am 6. August 2014 eroberten und zerstörten Einheiten des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) die christlichen Ortschaften in der irakischen Ninive-Ebene. Etwa 120 000 Christen mussten über Nacht fliehen. Viele von ihnen fanden Zuflucht in und um Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan.

 

In den folgenden drei Jahren war Erzbischof Bashar Warda, der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil, für viele Vertriebene die wichtigste Anlaufstelle. Er organisierte zusammen mit KIRCHE IN NOT zahlreiche Hilfen: von der Unterbringung über die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten, bis hin zu Schulen für Flüchtlingskinder.

August 2014: Tausende geflüchtete Menschen kampieren unter freiem Himmel in Erbil (Foto: ankawa.com).
Als ab Herbst 2016 die irakischen Streitkräfte und ihre Verbündeten die Ninive-Ebene zurückerobern konnten, kehrten zahlreiche vertriebene Christen in ihre Heimatorte zurück – auch wenn dort oftmals nur noch Ruinen standen. Zusammen mit den Ortskirchen unterstützt KIRCHE IN NOT den Wiederaufbau tatkräftig.

 

Zum fünften Jahrestag der IS-Invasion in der Ninive-Ebene sprach Maria Lozano von KIRCHE IN NOT International mit Erzbischof Warda über die damaligen Ereignisse und die anhaltenden Folgen für die Christen im Irak und im ganzen Nahen Osten.

Zerstörte Stadt im Irak.
MARIA LOZANO: Fünf Jahre sind seit den IS-Eroberungen und der dadurch ausgelösten Flüchtlingswelle vergangen. Was sind Ihre Erfahrungen aus dieser leidvollen Zeit?


ERZBISCHOF BASHAR WARDA: Wir stehen nach wie vor in einem existenziellen Kampf. Die unmittelbare Ursache ist der Angriff des IS am 6. August 2014. In einer einzigen Nacht verloren die Christen im Irak Unterkunft, Arbeit und Eigentum, Kirchen und Klöster.

Unsere Unterdrücker beraubten uns unserer Gegenwart, als sie versuchten, unsere Geschichte auszulöschen und unsere Zukunft zu zerstören. Dies war eine außergewöhnliche, aber keine einmalige Situation. Sie gehört zu den seit mehr als 1400 Jahren immer wiederkehrenden Gewaltwellen im Nahen Osten.

Baschar Warda, chaldäischer Erzbischof von Erbil/Irak.
War die IS-Invasion also nur die Spitze des Eisbergs?
Mit jeder weiteren Welle der Gewalt ist die Zahl der Christen zurückgegangen, bis heute. Wir Christen im Irak sind vom Aussterben bedroht. Was wird dann die Weltöffentlichkeit sagen? Dass wir durch eine Naturkatastrophe oder durch langsame Auswanderung ausgelöscht wurden? Dass die IS-Angriffe unerwartet kamen und uns überrascht haben?

 

Oder wird womöglich nach unserem Verschwinden die Wahrheit ans Licht kommen: dass wir im Laufe von 1400 Jahren beharrlich und stetig durch ein Glaubenssystem beseitigt worden sind, das regelmäßige und wiederkehrende Gewaltwellen gegen uns zugelassen hat?

- Baschar Warda, chaldäischer Erzbischof von Erbil/Irak.
Aber hat es in den 1400 Jahren Unterdrückung, von denen Sie sprechen, nicht auch Zeiten der Toleranz gegeben?
Es gab Zeiten relativer Toleranz. Das arabische Goldene Zeitalter wurde auf der Grundlage chaldäischer und syrischer Gelehrsamkeit errichtet. Es war christliche Gelehrsamkeit. Es hatte sich ein Stil des akademischen Dialogs entwickelt, der nur möglich war, weil eine Reihe von Kalifen Minderheiten tolerierte.

 

1400 Jahre Unterdrückung

Aber diese Augenblicke der Toleranz waren und sind eine einseitige Erfahrung. Es war und ist keine Frage der Gleichstellung. Wir Christen sollen nicht als Gleichgestellte behandelt werden; wir sollen nur toleriert oder nicht toleriert werden, je nachdem wie sehr die Herrschenden der Lehre des Dschihad folgen. Ja, die Wurzel all dessen ist die Lehre des Dschihad, die zur Rechtfertigung für Gewaltakte herangezogen wird.

Übersicht über zerstörte, beschädigte und abgebrannte Wohngebäude in der Ninive-Ebene.
Nach der Rückeroberung kehren viele irakische Christen in ihre Dörfer zurück. Wird die Lage besser?
Es gibt immer noch extremistische Gruppen, die immer größer werden, und die behaupten, das Töten von Christen und Jesiden trage zur Verbreitung des Islam bei. Das ist jedoch noch nicht alles. Nach der Verfassung des Irak sind wir zweitklassige Bürger. Wir sind denen ausgeliefert, die sich uns gegenüber überlegen erklären. Unser Menschsein gibt uns keine Rechte.

 

Christen sind im Irak Bürger zweiter Klasse

Manche sagen, die Brutalität und Gewalt des IS habe auch die islamische Welt verändert. Was meinen Sie?
Der IS hat eindeutig das Bewusstsein der Welt erschüttert, auch der islamischen Welt. Die Frage ist nun, ob der Islam eine politische Richtung bleibt, in der die Scharia die Grundlage des Zivilrechts ist und in der fast alle Aspekte des Lebens der Religion untergeordnet sind oder ob sich eine zivilisiertere und tolerantere Bewegung entwickeln wird.

Mit der Niederlage des IS ist die Idee einer Wiederherstellung des Kalifats nicht untergegangen. Diese Idee ist wiederaufgetaucht und heute in den Köpfen der muslimischen Welt fest verankert.

Prozession von Christen, die wieder in ihre Heimatstadt Karakosch zurückgekehrt sind.
Wie wird der Westen Ihrer Meinung nach darauf reagieren?
Darauf wüssten die religiösen Minderheiten im Nahen Osten nur zu gerne die Antwort. Wenn die nächste Welle der Gewalt auf uns zukommt, wird dann jemand an den westlichen Universitäten Demonstrationen organisieren und Transparente tragen, auf denen steht: „Wir sind alle Christen“? Ich spreche von der nächsten Welle der Gewalt, denn diese ist das zwangsläufige Ergebnis eines Regierungssystems, das Ungleichheit predigt und Verfolgung rechtfertigt.

 

Ein Regierungssystem, das Verfolgung rechtfertigt

Was könnte ein Ausweg aus diesem Dilemma sein?
Der Wandel muss durch eine bewusste Arbeit in der muslimischen Welt selbst herbeigeführt werden. Wir sehen kleine Anfänge davon, vielleicht in Ägypten, Jordanien, Asien, sogar Saudi-Arabien. Es bleibt sicherlich abzuwarten, ob dies wirklich aufrichtig ist.

Langsam kommt die Normalität zurück: Ein kleiner Laden in Karakosch.
Was fordern Sie von der westlichen Politik?
Wir fordern gemeinsame Anstrengungen, um die Gleichbehandlung aller Minderheiten im Irak und anderswo zu gewährleisten. Die Rolle, die christliche Gemeinschaften in islamischen Gesellschaften spielen oder gespielt haben, ist unterschätzt worden.

 

Zu verstehen, was im Irak geschehen ist, bedeutet, sich ehrlich vor Augen zu halten, was der Zweck einer christlichen und was der Zweck einer islamischen Rechts- und Gesellschaftsordnung ist – und was es bedeutet, wenn beide aufeinanderprallen. Ich verstehe, dass es sich um ein unbequemes Thema handelt. Aber für irakische Christen ist dies keine abstrakte Angelegenheit.

- Baschar Warda, chaldäischer Erzbischof von Erbil/Irak.
Ihre Zukunftsperspektive für die Christen im Irak ist sehr düster …
Seien wir ehrlich: In den Jahren bis 2003 gab es hier bis zu eineinhalb Millionen Gläubige, das waren sechs Prozent der irakischen Bevölkerung. Heute sind vielleicht nur noch 250 000 Christen übrig, vielleicht weniger. Und diejenigen von uns, die übrig sind, müssen auf das Martyrium gefasst sein.

 

Wir werden auf unserem Weg zum Aussterben nicht schweigend weitermachen. Dann kann, wenn wir eines Tages verschwunden sein sollten, niemand sagen: Wie konnte das geschehen? Die Gewalt und Diskriminierung von Unschuldigen muss ein Ende haben. Diejenigen, die sie predigen, müssen damit aufhören. Wir Christen im Irak sind bereit, Zeugnis abzulegen, ganz gleich welche Folgen das hat.

Am 29. Juli haben Angehörige der Terrormiliz Boko Haram ein Dorf im Norden Kameruns überfallen, das zum katholischen Bistum Yagoua gehört. Dies berichteten lokale Ansprechpartner, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchten, gegenüber KIRCHE IN NOT.

 

Demnach hätten die Terroristen bei diesem Übergriff eine Gewaltstrategie angewandt, die sich gegen Frauen richtet: „Sie kamen in der Nacht, gingen in die Häuser und entführten ausschließlich die Frauen“, erzählten die Ansprechpartner.

Eine von Boko Haram zerstörte Kirche in Nigeria.
Die Entführten seien an eine zentrale Sammelstelle am Stadtrand gebracht worden. „Die Terroristen schnitten anschließend jeder Frau ein Ohr ab. Sie drohten ihnen, dass dies nur der erste Übergriff sei und sie zurückkommen würden. Dann ließen sie die Frauen laufen“, so die anonyme Quelle.

 

Obwohl die Bevölkerung eine Art Bürgerwehr aufgestellt habe, sei diese angesichts des Überraschungsangriffs machtlos gewesen.

Die verstümmelten Frauen wurden vom Militär aufgegriffen und in ein 260 Kilometer entferntes Krankenhaus gebracht. Die Ohramputation sei ein neues Instrument von Boko Haram, um diejenigen zu bestrafen, „die auf die Regierung und die Stimmen derjenigen hören, die der extremistischen Ideologie nicht folgen“, so die lokalen Ansprechpartner.

Frau mit verstümmeltem Ohr.
Die Bevölkerung des Dorfes sei angesichts des Übergriffs traumatisiert. Flucht sei jedoch für viele Bewohner keine Option, so die anonymen Ansprechpartner: „Sie leben von der Landwirtschaft und warten gerade auf die Ernte. Wohin sollten sie gehen?“

 

Die Terroreinheit „Boko Haram“ ist im Norden Nigerias entstanden, doch auch in den Nachbarländern Kamerun, Tschad und Niger kommt es immer wieder zu Anschlägen und Übergriffen.

„Die Waffen der Terrormilizen werden nicht in Afrika produziert. Sie haben mehr Ausrüstung als das staatliche Militär. Sie könnten nichts ausrichten, wenn sie nicht vom Ausland unterstützt würden.“

 

Dies stellte Bischof Laurent Birfuoré Diabiré aus Dori in Burkina Faso gegenüber KIRCHE IN NOT fest. In dem westafrikanischen Land nehmen terroristische Übergriffe rapide zu. Ins Visier gerät immer mehr auch die christliche Minderheit des Landes, die rund ein Viertel der Bevölkerung ausmacht.

Trauer und Entsetzen bei der Beisetzung der Opfer eines Anschlags auf eine Kirche am 12. Mai in Burkina Faso.
Ende Juni sei es im Nachbarbistum Ouahigouya zu einem weiteren Überfall gekommen, berichtete Diabiré. Schauplatz war eine christliche Versammlung im Dorf Bani. „Die Fundamentalisten sind gekommen und haben den Teilnehmern befohlen, sich auf den Boden zu legen“, so der Bischof.

 

„Alle wurden durchsucht. Vier Bewohner trugen Kreuze. Sie wurden getötet, weil sie Christen waren.“ Nach der Exekution hätten die Terroristen auch die übrigen Bewohner bedroht: Wer nicht zum Islam konvertiere, würde das gleiche Schicksal erleiden.

Bereits fünf Attacken auf Christen in diesem Jahr: 20 Tote

Dies war bereits die fünfte Attacke gegen Christen in diesem Jahr; dabei verloren mindestens 20 Menschen ihr Leben – unter ihnen auch zwei katholische und ein protestantischer Geistlicher. Auch in seinem Bistum Dori sei am 17. März der Priester Joël Yougbaré entführt worden, so Diabiré. Seitdem gebe es kein Lebenszeichen mehr von ihm.

Bischof Laurent Dabiré aus Dori (Burkina Faso).
Die Gewaltwelle in Burkina Faso dauere bereits seit 2015 an, erklärte der Bischof: „Früher kam es ausschließlich an den Grenzen zu Mali und Niger zu Übergriffen. Allmählich dringen die Terroristen immer mehr ins Land vor.“ Neben Militär, Behörden und Zivilbevölkerung richte sich nun ihr Fokus immer mehr auf Gottesdienste und christliche Einrichtungen.

 

Terroristen immer mehr ins Land vor

„Ich habe den Eindruck, dass sie einen Konflikt zwischen den Religionen auslösen wollen“, sagte der Bischof. Denn in Burkina Faso funktionierte bislang das Zusammenleben der Religionen reibungsfrei – auf allen Ebenen. So sind in zahlreichen Familien einige Mitglieder Christen, andere Muslime.

Christen aus der Gemeinde Dablo/Burkina Faso bei einer Prozession.
Burkina Faso liegt auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen auf Platz 183 von 189 und gilt damit als eines der ärmsten Länder der Welt. Es sei auch die grassierende Not im Land, die gerade die jungen Menschen in die Fänge der Extremisten treibe, glaubt Bischof Diabiré.

 

Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt

„Am Anfang dachte man, dass die Extremisten alle Ausländer wären. Aber mittlerweile wird klar, dass einige von ihnen aus Burkina Faso kommen“, so der 53-Jährige. Ein Teil der Extremisten hätte jedoch noch eine weitere Motivation: „Sie betrachten diese terroristische Bewegung einfach als Ausdruck ihres Glaubens.“

- Bischof Laurent Dabiré aus Dori (Burkina Faso)
Die Angst in den christlichen Gemeinden nehme derweil weiter zu, so Diabiré. Er habe bereits zwei Pfarreien schließen müssen, um Priester und Ordensleute zu schützen. Manche Gebiete seien zu gefährlich, um Menschen von außerhalb dorthin zu entsenden.

 

Angst in den christlichen Gemeinden nimmt zu

Angesichts des Leids sei es sehr schmerzlich, dass niemand die christlichen Gemeinden beschütze – und der Terror ausländische Unterstützer habe, erklärte der Bischof. „Deshalb möchte ich mich an die internationale Gemeinschaft wenden: Wer die Macht hat, etwas zu tun, möge diese Gewaltwelle beenden!“

„KIRCHE IN NOT war die erste Organisation, die nach dem Bombenanschlag vor Ort war, und wir haben zugesagt, zu helfen.“

 

Dies erklärt der Direktor des philippinischen Büros von KIRCHE IN NOT, Jonathan Luciano, anlässlich der Mitte Juli erfolgten Wiederöffnung der Kathedrale in Jolo auf der gleichnamigen Insel im Süden der Philippinen.

Besonders die Decke, das Dach und die Fenster wurden bei dem Anschlag beschädigt.
In der Kathedrale „Unsere Liebe Frau vom Berg Karmel“ auf Jolo waren am 27. Januar 2019 zwei Bomben explodiert: eine während der Sonntagsmesse, eine weitere wenig später auf dem Parkplatz vor der Kirche.

20 Menschen verloren ihr Leben, über 100 Personen wurden verletzt. Auch das Kirchengebäude wurde schwer beschädigt. Die islamistische Terrororganisation Abu Sajaf hatte sich zu dem Anschlag bekannt.

 

Sicherheitslage weiterhin angespannt

Ein halbes Jahr später wurde die schwer beschädigte Kathedrale wieder eingeweiht – auch wenn die Sicherheitslage nach wie vor sehr angespannt ist.

„Polizei und Militär hatten den ganzen Stadtbezirk abgeriegelt, in dem sich die Kathedrale befindet. Doch das Gotteshaus selbst war voll. Besonders bewegend war, die Familien der Getöteten und die Überlebenden der Explosionen dort zu sehen“, so Jonathan Luciano.

Reparierte Decke und Fenster in der Kathedrale von Jolo.
Die Feier leiteten der Apostolische Nuntius auf den Philippinen, Erzbischof Gabriele Caccia, sowie Orlando Kardinal Quevedo, emeritierter Erzbischof von Cotabato.

„Der Nuntius versicherte den Menschen, dass die christliche Gemeinschaft bei ihnen ist: Sie werden nicht vergessen oder vernachlässigt“, berichtete Luciano. „Das zeige sich durch die finanzielle Hilfe und die Solidarität im Gebet auf der ganzen Welt.“

 

Solidarität im weltweiten Gebet

KIRCHE IN NOT unterstützt neben anderen Organisationen den Wiederaufbau maßgeblich und trägt zur Finanzierung des Kirchendachs und der -decke bei. Doch es gehe nicht nur um den Aufbau der Gebäude, betonte Luciano.

„Wir waren zwei Wochen nach dem Anschlag vor Ort. Mit anderen Organisationen und den kirchlichen Mitarbeitern waren wir uns einig, wie wir auf die Krise reagieren sollten: zuerst die christliche Gemeinschaft und dann die eigentliche Kirche wiederaufbauen.“

Jonathan Luciano, der Direktor des philippinischen Büros von KIRCHE IN NOT, hat die Kathedrale von Jolo kurz nach dem Anschlag besucht.
Deshalb stehen auch Rehabilitierungsprogramme für Betroffene der Anschläge und deren Familien sowie interreligiöse Initiativen auf der Förderliste von KIRCHE IN NOT. Ein Beispiel ist die benachbarte Hauptinsel Marawi, wo es im Jahr 2017 zu schweren islamistischen Übergriffen kam.

 

Süden der Philippinen mehrheitlich muslimisch geprägt

Anders als der überwiegende Teil das Landes ist der Süden der Philippinen mehrheitlich muslimisch geprägt. Muslimische Milizen kämpfen seit Jahrzehnten für eine Autonomie. Diese wurde nach jahrzehntelangem Ringen weitgehend erreicht, indem die Regierung in Manila eine weitgehend autonome Region Bangsamoro ermöglichte.

Die in der Folge durchgeführte Volksabstimmung Ende Januar 2019 fand weitgehend Zustimmung – bis auf Jolo, das als Heimat der Terroreinheit Abu Sajaf gilt. Die Anschläge auf die Kathedrale wurden als Reaktion auf die Abstimmung gesehen.

- Jonathan Luciano, Direktor des philippinischen Büros von KIRCHE IN NOT
Dennoch stand die feierliche Wiedereröffnung ganz unter dem Zeichen der Versöhnung, berichtete Luciano. So habe der muslimische Gouverneur von Jolo am Ende der Messe ein Grußwort gesprochen und betont, dass nach der Wiedereröffnung der zerstörten Kirche auch der Dialog zwischen Christen und Muslimen wiederaufgenommen werden könne.

 

Zeichen der Versöhnung

Auch der Direktor des philippinischen Büros von KIRCHE IN NOT warnt davor, dass sich die Zahl radikaler Muslime weiter erhöhen könnte, wenn die Kirche den Dialog nicht weiterführe.

Er betont: „Wir müssen die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen stärken. Wir können harmonisch zusammenleben. Das ist eine wichtige Botschaft für unsere Wohltäter. Ich hoffe, dass die Ereignisse von Jolo sie bewegen, verfolgten Christen auf den Philippinen zu helfen.“

KIRCHE IN NOT intensiviert seine ökumenische Zusammenarbeit mit der russisch-orthodoxen Kirche für leidende Christen im Nahen Osten. Dies wurde beim Besuch einer Delegation des Moskauer Patriarchats in der internationalen Zentrale von KIRCHE IN NOT in Königstein im Taunus vereinbart.

 

So sollen weitere gemeinsame Projekte gestartet werden, zum Beispiel für Jugendliche aus Syrien und dem Irak – unabhängig von deren Konfession. Diese Projekte sollen „eine unmittelbare Frucht der Begegnung zwischen Papst und Patriarch“ sein, erklärten die Teilnehmer der ökumenischen Gesprächsrunde.

Gesprächsrunde mit Vertretern der russische-orthodoxen Kirche und KIRCHE IN NOT in Königstein im Taunus.
Bei ihrer ersten Begegnung im Februar 2016 auf Kuba hatten Papst Franziskus und der Moskauer Patriarch Kirill die Zusammenarbeit beider Kirchen für notleidende Christen, besonders im Nahen Osten, in den Mittelpunkt ihrer gemeinsamen Erklärung gestellt.

 

Seit mehr als 25 Jahren im Dialog mit der russisch-orthodoxen Kirche

KIRCHE IN NOT engagiert sich seit mehr als 25 Jahren für den Dialog mit der russisch-orthodoxen Kirche. Deshalb hatte unser Hilfswerk nach dem Treffen von Papst und Patriarch zusammen mit Vertretern aus Moskau ökumenische Initiativen für die Christen im Nahen Osten entwickelt.

Dies umfasste unter anderem die Dokumentation von zerstörten Kirchen und christlichen Privathäusern, um so die Grundlage für den Wiederaufbau zu schaffen. Auch machten beide Kirchen die Schicksale von entführten und getöteten Christen während des Syrienkriegs bekannt.

Papst Franziskus und der Moskauer Patriarch Kirill im Jahr 2016 bei ihrem Treffen auf Kuba.
„Die katholische und die russisch-orthodoxe Kirche haben viele gemeinsame Anliegen“, betonte die Direktorin der Projektabteilung von KIRCHE IN NOT, Regina Lynch. „Das schmerzlichste Anliegen ist sicher die Sorge um die Christen im Nahen Osten und in anderen Ländern, in denen Christen verfolgt oder bedrängt sind.“

 

„Viele gemeinsame Anliegen“

Der Sekretär des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Stefan Igumnow, unterstrich, die neue Form der Zusammenarbeit werde möglich durch die „seit vielen Jahren bestehenden guten und fruchtbaren Beziehungen mit KIRCHE IN NOT“.

Das Hilfswerk habe die Arbeit des Moskauer Patriarchats in verschiedenen Stadien seiner Geschichte unterstützt. „Wir sind nicht nur Partner, sondern Freunde“, betonte Igumnow.

Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche und KIRCHE IN NOT einigten sich auf eine stärkere Zusammenarbeit (von links): Peter Humeniuk (Russlandreferent von KIRCHE IN NOT), Ioann Kopeykin (Prorektor des Postgraduierten-Institutes der heiligen Cyrill und Methodius in Moskau), Jekaterina Mjasdrikowa (Direktorin des Hilfsfonds „Poznanie“ des Moskauer Patriarchates), Regina Lynch (Direktorin der Projektabteilung von KIRCHE IN NOT), Stefan Igumnow (Sekretär des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Stefan Igumnow), Pater Martin Barta (Geistlicher Assistent von KIRCHE IN NOT International).
Mit ihm war auch der Prorektor des Postgraduierten-Institutes der heiligen Cyrill und Method in Moskau, Ioann Kopeykin, sowie der Direktorin des Hilfsfonds „Poznanie“ des Moskauer Patriarchates, Jekaterina Mjasdrikowa, nach Königstein gereist. Der Fonds „Poznanie“ unterstützt syrische Kindern, die durch Explosionen schwer verletzt wurden.

 

Gemeinsame Projekte für notleidende Christen

Die Gesprächspartner waren sich einig, dass die ökumenische Zusammenarbeit nach der Begegnung der beiden Kirchenoberhäupter auf Kuba eine neue Phase erreicht habe. Nun nehme man erstmals gemeinsam Projekte für notleidende Christen in anderen Teilen der Welt in den Blick.

Laut Igumnow war es „ein Wunder, das Gott uns geschenkt hat, dass wir bereits zwei Monate nach dem Treffen unserer Kirchenoberhäupter ihrem Aufruf folgen und gemeinsam in Syrien tätig werden konnten“.

Dank der Hilfe unserer Wohltäter, die 3.000 Euro gespendet haben, konnten im März 2019 fast 40 Diözesan- und Ordenspriester in der Diözese Bouar (Zentralafrikanische Republik) an einer Fortbildung teilnehmen. Gerade weil das Land unter Gewalt und anderen Herausforderungen leidet, ist es wichtig, die Priester zu stärken. Sie sind oft die einzigen, die den Menschen helfen können, die Hoffnung nicht zu verlieren.

 

Auf dem Programm standen wichtige Themen aus der Seelsorge, wie beispielsweise die Ehevorbereitung und der Umgang mit ungültig geschlossenen Ehen, die Vorbereitung auf die Sakramente, die Taufe von Erwachsenen und die Rolle von Katecheten in den abgelegenen kleinen Dörfern.

Priester während einer Vorlesung bei den Einkehrtagen in der Zentralafrikanischen Republik.
Die Priester reflektierten auch über ihre eigene Berufung und die Bedeutung des Priestertums. Außerdem konnten sie sich in den Themen Buchhaltung, Verwaltung oder Registratur fortbilden.

 

Begegnung, Austausch und Weiterbildung

Diese sind in einer Pfarrei oder Institution notwendig und verpflichtend, aber viele Priester sind nur unzureichend vorbereitet sind, wenn sie einen Posten übernehmen, der diese Kenntnisse erfordert.

Die Priester der Diözese haben von diesen Tagen des Austauschs und der Weiterbildung sehr profitiert, und sie danken allen Wohltätern, die dies ermöglicht haben.

Miroslaw Gucwa (links), Bischof von Bouar (Zentralafrikanische Republik).
Er war ein gebildeter Priester gewesen, der in Rom studiert hatte und selbst in der Priesterausbildung tätig gewesen war. Er wird beschrieben als vielseitig begabter und feiner Mensch mit einer tiefen Seele und einer großen Liebe zur Kirche und besonders zum Priestertum.

 

Priester auf dem Rückweg ermordet

Er schrieb Lieder und Gedichte, fand leicht Zugang zur der Jugend, der er das Evangelium nahebrachte, und war in Bouar für das katholische Radio verantwortlich gewesen. Im Tschad leitete er neben seinen vielen anderen Aufgaben ein Museum der Kultur der Volksgruppe der Mboum.

Gottesdienst in einem Dorf in der Zentralafrikanischen Republik (Foto: KIRCHE IN NOT/Aurelio Gazzera).
Im Nachruf der Kapuziner hieß es: „Die feige Hand des Mörders wusste, als er ihn in der Nacht des 19. März ermordete, nichts von der Schönheit und Eleganz von Bruder Toussaint, dieses Priesters, der reich war an den Feinheiten des Evangeliums und der Schönheit der Priesterweihe.“

 

Große Anteilnahme am Tod des Priesters

Wenige Tage nach dem Treffen der Priester in Bouar, bei dem Toussaint Zoumalde seinen Mitbrüdern noch inspirierende und tiefe Gedanken über das Priestertum mit auf den Weg gegeben hatte, trugen seine Mitbrüder unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und der gesamten Kirche in der Diözese seinen Leichnam zu Grabe.

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